Berlin : Soll der Bahnhof Zoo Fernbahnhof bleiben?

Ulrich Zawatka-Gerlach

SBahn-Chef Mehdorn sollte ehrlich sein: Mit der Abkoppelung des Bahnhofs Zoo vom ICE-Verkehr will er nur Geld sparen. Auf Kosten der Kunden und der Stadt Berlin. Alle anderen Gründe sind vorgeschoben. Dass die Haltestation im Herzen der City-West nicht für den Fernverkehr gebaut worden ist, kann uns heute ziemlich schnuppe sein. Sie liegt im Einzugsbereich von 23 000 Hotelbetten, vieler Touristenattraktionen und der Kaufmeile Kurfürstendamm. Der Bahnhof wird von den Fahrgästen deshalb gern und häufig genutzt. Es macht doch keinen Sinn, blitzschnell durch Deutschland zu flitzen, um dann in Berlin eine Stunde mit Bus und U-Bahn herumzufahren, um auf Umwegen die westlichen Stadtgefilde zu erreichen. Herr Mehdorn nennt das „mangelnde Veränderungsbereitschaft“. Nein, das ist eine verkappte Kundenbeschimpfung und der Versuch eines Monopolunternehmens, das Leistungsangebot zu verschlechtern. Auch der Bahnverkehr in Berlin sollte einer 3,5-Millionenstadt würdig sein. Den Bahnhof Zoo als Fernbahnhof bewahren zu wollen, hat mit Charlottenburger Kiezdenken nichts zu tun. Die Fahrgäste, die Wirtschaft, der Tourismus profitieren davon. Und außerdem: Für die Erich-Kästner-Fans dieser Welt, und das sind wir doch alle, ist es immer noch eine Ehre, am Bahnhof Zoo aussteigen zu dürfen. In Gedanken den Meisterdetektiv Emil an der Hand, auf der Jagd nach Herrn Grundeis.

Die Diskussion, den Bahnhof Zoo vom Fernverkehr abzukoppeln, erinnert an die frühen Neunzigerjahre. Da diskutierten die Stadt, der Bund und die Bahn das Thema schon einmal mit dem Ergebnis: Berlin braucht einen großen statt vieler kleiner Bahnhöfe. Das milliardenschwere Bauprogramm mit dem Namen „Pilz-Konzept“ war geschaffen und damit die Idee eines gigantischen Kreuzungsbahnhofs in der Mitte. Die logische Konsequenz: Hier und nicht mehr am Zoo werden alle Züge halten. Und jetzt, da dies umgesetzt werden soll, ist uns der Weg zum neuen Hauptbahnhof dann doch zu weit? Ist es nicht langsam Zeit anzuerkennen, dass Berlin mit der Einheit ein bisschen größer geworden ist?

Mag ja sein, dass der neue Bahnhof noch nicht so toll an Busse und Bahnen angebunden ist wie der Zoo. Aber deswegen die drangvolle Enge in der Halle und erst Recht auf dem Bahnsteig weiter in Kauf nehmen? Nein! Die drei S-Bahnstationen mehr dürften auch für Fahrgäste aus Charlottenburg kein Hindernis sein. Bahn-Kunden aus Norden und Süden können via S1/S2 und U6 mit Umsteigen an der Friedrichstraße genauso komfortabel zum neuen Bahnhof fahren. Dort angekommen, wird das Warten auf den Anschluss-Intercity dann nicht mehr geprägt sein von Stress und Schubserei, denn es gibt viel Platz und obendrein noch einen Blick auf die Reichstagskuppel. Das ist, um einen alten Werbespruch der Bahn zu benutzen, Urlaub von Anfang an. Freuen wir uns darauf. Matthias Oloew

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