Berlin : Soll der fliegende Handel in Mitte verboten werden?

Jörn Hasselmann

Russenmützen, DDR-Wimpel, Softeis, Pommes mit Majo, Coca-Cola aus dem Plastiktank – nichts, was es nicht gibt Unter den Linden, am Pariser Platz oder auf dem Gendarmenmarkt in Mitte. Touristen und Berliner treffen auf Händler, die im besten Falle aus Henkelkörbchen eine Salzbrezel anbieten; in der Regel tragen sie sperrige Ungetüme technischen Geräts auf dem Rücken oder vor dem Bauch, aus denen entweder gekühlte Getränke fließen oder im Stehen Würstchen gegrillt werden können. Wo der wilde Handel blüht, sind die Hütchenspieler nicht weit. Mancherorts verwandeln die fliegenden Händler die historische Mitte der Stadt in einen Marktplatz und stehlen den Sehenswürdigkeiten die Show.

Wollen wir das? Nein. Die Mitte der deutschen Hauptstadt sollte nicht zum Rummelplatz verkommen. Fliegende Händler gehören hier nicht hin. Wer ein Eis essen will, möge sich in eine Eisdiele setzen, die es ebenso wie Kioske, Cafés und Kneipen reichlich gibt. Deren Betreiber zahlen hohe Mieten (auch dies ein Argument gegen wilde Händler) – und sie sammeln die Hinterlassenschaften ihrer Kundschaft nach Gebrauch ein. Die wandelnden Verkäufer und viele ihrer Kunden interessieren sich dagegen wenig dafür, wohin die Reste fliegen, die Stadtreinigung räumt’s ja weg.

Alles zu tolerieren, ist falsch verstandene Liberalität. Auch in einer Stadt von Welt muss man mal Nein sagen können.

Schon mal im August durch New York oder Paris gelaufen? Mit hängender Zunge von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit? Man wäre verloren, stünde nicht an jeder zweiten Ecke ein Mann mit Bauchladen und würde kühle Getränke anbieten. Man würde doch wertvolle Zeit (und Geld) verlieren, wenn man jedes Mal ein Geschäft suchen oder sich gleich ins Café setzen müsste – was den Ladeninhaber oder Cafébetreiber natürlich freuen würde. Warum also den Touristen hier das Leben unnötig schwer machen, indem man die Wasserspender vertreibt?

Nun bieten ja nicht alle fliegenden Händler Trink- und Essbares an. Russische Fellmützen, Holz-Babuschkas und Anstecknadeln, Mauerreste und allerlei esoterisches Gerät sind zwar nicht lebensnotwendig, aber man guckt doch gerne mal drüber – auch wenn man nie einen entsprechenden Laden betreten würde.

Außerdem lockern die Menschen mit ihren Ständen das Straßenbild auf. Und wer meint, er hätte eine neue Idee, mit der er sich auf dem Markt durchsetzen kann, sollte nicht gebremst werden, oder? Schließlich entscheidet die Kundschaft, was gefragt ist und was nicht. Da sollte sich das Bezirksamt raushalten, schließlich leben wir doch in einer freien Marktwirtschaft. Und wenn es Beschwerden gibt, dass der eine oder andere Händler seine Kunden auf aggressive Art zu werben versucht, kann man mit ihm reden. Braucht’s wirklich für alles gleich Verbote? Claudia Keller

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