Berlin : Soll der Name des Olympiastadions verkauft werden?

Annette Kögel

Wetten, dass Sie schon mal eine Selters bestellt haben, obwohl Sie eigentlich Mineralwasser meinten? Oder jemanden um ein Tempo baten? Markennamen sind längst zum Synonym für Produkte geworden, und niemand nimmt Anstoß daran. Jetzt aber soll es plötzlich ehrenrührig sein oder gar ein Ausverkauf der (nun ja wirklich nicht rühmlichen) Geschichte des Olympiastadions, wenn ein Sponsor der Arena seinen Namen verleihen würde. Dabei könnte gerade Berlin dabei nur gewinnen, das zeigen die Beispiele anderer Städte in aller Welt. Gut, Veltins-Arena, das klang zunächst ungewohnt, doch inzwischen hat sich jeder an den Namen des Stadions auf Schalke gewöhnt. In München spielen die Bayern inzwischen in der Allianz-Arena, und der HSV kickt in der AOL-Arena. Sponsoring gehört zum Sport wie die schwarz-rot-goldene Flagge zur Fußball-WM: Am Anfang gab es Berührungsängste, doch inzwischen ist die Verbindung nicht mehr wegzudenken. Deswegen sollte endlich auch Berlin seine Chance nutzen, dank eines professionellen Geldgebers den Landeshaushalt zu schonen. Schließlich geht es hier um Millionen, die zusätzlich in die Kasse kämen. Zudem zeigt die Erfahrung anderer Städte, dass der Namensgeber sich nicht allein fürs Stadion selbst engagiert. Da werden Sportclubs unterstützt, der Nachwuchs wird gefördert. Also, Berlin: Auf die Plätze, fertig, los!

Die Doppel-Super-Idee: Die Stadt tilgt einen mit den Nationalsozialisten verbundenen Namen aus der Stadtgeschichte. Und sie bekommt noch Geld dafür. Der Vorschlag ist aber ein wenig zu eingängig, um gut zu sein. Das Olympiastadion hat seinen Namen zwar von den Nationalsozialisten, und es diente 1936 ihrer Selbstdarstellung und Propaganda. Aber als „Olympiastadion“ ist es ein Architektur gewordenes Zeit-Zeugnis. Und als solches, mitsamt seinem Namen, gehört es zur Berliner Stadtgeschichte. Dazu soll und muss man stehen, statt es vergessen machen zu wollen. Die Namensverkauf- und Umtaufidee hat aber noch weitere Schwachstellen: Der Kommerz um Firmennamen und Sponsoring im Sport nervt inzwischen ziemlich. Mag sein, dass sich Sportkommentatoren irgendwann daran gewöhnen, von einer Arena zu sprechen und dabei eine Versicherung zu erwähnen, doch sei die These mal gewagt, dass die Versicherung damit auch Antipathien erzeugt. Diese Art der Werbung ist zu penetrant und billig, um auf Dauer anzukommen. Darüber hinaus gäbe sich Berlin den Rest, wenn es durch den Verkauf eines – wie auch immer umstrittenen – historischen Namens aller Welt demonstrierte, dass es in der Stadt bald nichts mehr gibt, was man nicht kaufen kann. Dann gibt es bald kein Brandenburger, sondern nur noch ein Berliner- Kindl-Tor. Werner van Bebber

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