Berlin : Soll die Deutschlandhalle abgerissen werden?

Gerd Nowakowski

Die Deutschlandhalle hatte ihre große Zeit; teilweise in ganz schlimmen Zeiten. Das ist lange her. Man kann wehmütig an solche Shows wie „Menschen, Tiere, Sensationen“ erinnern, die es hier von 1937 bis 1997 gab; ein Grund, die betagte und kaum genutzte Halle stehen zu lassen, ist das nicht. Der Ort ist aus dem Gedächtnis der Stadt fast verschwunden, das gilt vor allem für jüngere Menschen. Der frühere CDU-Fraktionschef Klaus Landowsky hatte Recht: zur Identitätsstiftung der West-Berliner braucht es die Halle wirklich nicht. Sie ist überflüssig und steht jeder städtebaulichen Entwicklung am südlichen Messeeingang im Weg. Berlin hat zudem modernere Veranstaltungsorte, wie die Max-Schmeling-Halle oder auch das Velodrom, und möglicherweise bald einen noch größeren Sportsdome am Ostbahnhof. Wenn die Deutschlandhalle mit dieser Konkurrenz mithalten möchte, dann wären enorme Investitionen nötig. Ein modernes Kongress-Zentrum an gleicher Stelle wertet dagegen den Messe-Standort auf. Das ist ein Wachstumsmarkt und eine ökonomische Chance für das Land. Bereits jetzt liegt Berlin auf der Liste der erfolgreichsten Kongress-Städte weltweit auf Platz vier. Was für eine bestechende Rechnung: Ein für Kongresse weit effektiverer Ort als das unübersichtliche ICC, auf modernstem technischen Stand, zu geringeren Betriebskosten als das sanierungsbedürftige Congress Center. Das sollte uns den Abriss der Deutschlandhalle wert sein.

CONTRA: Die kalt rechnende Messe und der Wirtschaftssenator sind in Abriss-Euphorie: Weg mit der Deutschlandhalle, sagen sie, weg mit dem ICC! Was schert uns der Denkmalschutz, unter dem zumindest die Deutschlandhalle steht. Denkmalschutz bedeutet, pfleglich mit einem Baudenkmal umzugehen, es im Städtebau „angemessen zu berücksichtigen.“ Private Eigentümer bekommen Scherereien, wenn sie sich über das Gesetz hinwegsetzen. Der Senat macht sich keine Gedanken, den Bau zu retten – denn es liegen ja Gutachten von einem seriösen Architektenbüro vor, das in Berlin unter anderem den Flughafen Tegel, das Tempodrom, den neuen Hauptbahnhof und und und gebaut hat. Das nun gern auch ein Kongresszentrum bauen möchte. Die in Aussicht genommene Baustelle aber ist besetzt und sollte es auch bleiben. Die Deutschlandhalle, nur zur Erinnerung, ist ein zweckmäßiger Bau mit mehr als 8000 Plätzen. Er ist nicht baufällig, nur seit drei Jahren aus Einfallslosigkeit zur Eishalle degradiert. Die Akustik des Baus wurde stets gerühmt. Das Haus ist Berliner Geschichte, kein seelenloser Klotz, und es wurde nicht ohne Grund unter Denkmalschutz gestellt. Der Senat darf sich nicht zum willfährigen und allzu schnellen Helfer eiskalter Rechner machen. Hat das Land Berlin nichts gelernt? Die Kalkulationen, die jetzt vorgelegt werden, sind vermutlich zu niedrig angesetzt. Die Deutschlandhalle dafür abreißen zu müssen, wäre skandalös. Christin van Lessen

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben