Berlin : Soll die evangelische Kirche ihren Gottesdienst reformieren?

Gerd Nowakowski

Schauspieler haben auf der Kanzel nichts zu suchen – aber keinem Pastor schadet es, mit Hilfe von Schauspielern zu lernen, wie man Gottes Wort so verkündet, dass nicht die halbe Gemeinde dabei einnickt. Sprachtraining und Fortbildung sowie die Frage nach der Qualität eines Gottesdienstes sind kein Gegensatz zum Glauben. Sie können vielmehr dazu beitragen, dass sich die Gläubigen wirklich zu Hause fühlen in ihrer Gemeinde. Sich den Fragen nach einer Veränderung von Liturgie und Predigt zu stellen, etwa über die Auflösung des bisherigen starren Rahmens nachzudenken, das ist kein Plädoyer für eine modische Aufhübschung, für Beliebigkeit oder eine zielgruppenorientierte Nischen-Kirche. Entscheidend bleibt, ob die Kirche mitten im Leben steht und eine Kirche für alle Gruppen, alle Schichten ist. Wie selten zuvor bewegt die Angst vor Arbeitslosigkeit, der Verlust von sozialen Sicherheiten oder die wachsende Vereinsamung und Erosion der Familienverbände die Menschen, stellen sich drängend die Fragen nach dem Sinn des Lebens. Die Kirche muss für diese Menschen da sein, an ihrer Seite stehen – in zeitgemäßer Form. Der Gottesdienst ist für die Menschen das Eingangstür in das Gemeindeleben. Wer die Liturgie ohne Schwung, wer die Predigt ohne Bezug zu den Sorgen und Nöten und der sozialen Wirklichkeit gestaltet, der öffnet den Gläubigen nicht die Tür, der schlägt sie zu.

Und, wann sind Sie das letzte Mal in der Kirche eingeschlafen? Jeder kennt diese Passionsgeschichten aus dem Gottesdienst, die gebetsmühlenartigen Rituale, die weltfremden Predigten, die einem die Lider bleischwer herunterdrücken. Ein herzerfrischender Gospelchor, eine Band oder eine schauspielerische Einlage können da Wunder wirken – aber dafür muss die evangelische Kirche nicht gleich die Liturgie ihrer Gottesdienste reformieren. Kreativität und Originalität sind in der Kirche keineswegs verboten, es darf sogar gelacht werden. Jeder Gemeinde ist freigestellt, ihre Gottesdienste abwechslungsreich und kurzweilig zu gestalten. Es ist ja nicht unchristlich, mit der frohen Botschaft zu unterhalten wie mit einer Fernsehshow. Dann stimmt vielleicht auch sonntags um zehn mal wieder die Einschaltquote in den Gotteshäusern. Nur der Pfarrer muss dabei natürlich mitspielen. Und da liegt meistens das Problem. Solange charismatische Ausstrahlung und freudiger Glaubenseifer keine Einstellungskritierien für Geistliche sind und an den theologischen Fakultäten das Studium toter Sprachen mehr gilt als rhetorischer Schliff, werden wir uns wohl, von seltenen Ausnahme-Talenten abgesehen, weiter auf harten Kirchenbänken langweilen lassen müssen – oder sonntags lieber ausschlafen. Stephan Wiehler

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