Berlin : Soll die Flachdecke wieder entfernt werden?

Werner van Bebber

Pro Klar, dass Hartmut Mehdorn dieses Urteil nicht versteht. Ein Bahnchef muss kein Kunstfreund sein – und dieser Bahnchef macht ohnehin keinen besonders feinsinnigen Eindruck. Doch etwas mehr Unterscheidungsvermögen kann man auch einem Mann abverlangen, dem Millionen – Besucher, Fahrgäste, Euro für die Miete – wichtiger sind als der Unterschied zwischen einer gewölbten und einer flachen Decke. Auf den ersten – allerdings wichtigen Blick – geht es im Streit zwischen dem Bahnchef und dem Architekten – um die Optik. Da wird jeder dem Mann zustimmen, der den Bahnhof entworfen hat: Die gewölbten Decken wirken um vieles eleganter als Mehdorns hängendes Bahnsteigflachdach; das sieht man schon auf den Simulationen. Zweitens geht es darum, dass man mit Geld eben noch nicht alles kaufen kann, jedenfalls nicht die Zustimmung eines Baumeisters zu einer Problemlösung, die ihm missfällt. Viel schöner hat das Franz Josef Wagner in der „Bild“ gesagt, wohl wissend, dass der Bahnhof eine Kathedrale des Eisenbahnverkehrs werden sollte: „Der Kölner Dom wäre nicht der Kölner Dom, wenn man nach 100 Metern aus Kostengründen die Bauarbeiten beendet hätte.“ Deshalb soll der Bahnhof werden, wie sein Architekt ihn wollte. Wer denkt wie Mehdorn, sollte sich Gebäude von einer Werft zusammenschweißen lassen.

Contra Sicher hat der Architekt ein Recht darauf, empört zu sein und, wenn ihm das nicht genügt, auch noch gegen den Bauherrn zu klagen. (Schade eigentlich, dass ein so harmonisches Gesamtkunstwerk von solchen Disharmonien begleitet wird.) Aber nun, da alles fertig ist und der Hauptbahnhof, dieses stählerne Einkaufszentrum mit Gleisanschluss, bestens funktioniert, sollten die Nutzer, also wir, Reisende und Einkaufsbummelanten, das letzte Wort haben. Ist die jetzt vorhandene, sachlich-kühle, von Lichtbändern durchzogene Decke im Untergeschoss so schlecht, dass man sie herausreißen muss? Nein, ist sie nicht. Kaum ein Mensch wird ein Gewölbe an dieser Stelle vermissen, zumal er sich wirklich nicht in einer Kathedrale befindet, sondern die Absicht hat, in einen Zug zu steigen. Der Bahnhof ist doch schön, funktional und teuer sowieso. Sollen noch einmal zig Millionen auf die Gleise gesetzt werden, weil sich da zwei Herren um Prinzipien streiten? Der Architekt hat zunächst vor Gericht obsiegt – nun müssten wir Bahnkunden für diese Genugtuung zahlen. Für monatelangen Ab- und Aufbau, Stillstand, Umleitung, für Staub und Krach. Passt da eine betonierte Wölbung überhaupt rein? Wir wollen doch nur verreisen! Herr Mehdorn sollte Herrn Gerkan zu einem Glas Glühwein einladen und die Decke so lassen, wie sie nun einmal ist. Lothar Heinke

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