Berlin : Soll die Loveparade wieder durch Berlin ziehen?

Annette Kögel

Da muss man doch nicht lange überlegen. Berlin kann seine Loveparade zurück bekommen? Na dann: her damit! Die Stadt wird nur gewinnen, nicht verlieren. Das garantiert erstens die Musik. Techno ist noch immer nicht tot, sondern hat sich zu Dance/Trance/Ambient/Electro/Chillout gewandelt und perlt noch immer aus den Boxen dieser Welt. Sicher würden nicht mehr über eine Million Raver in die Stadt reisen wie zu Parade-Hoch-Zeiten, aber es kämen immer noch Hunderttausende. Die wenigen Wummer-Wagen beim Karneval der Kulturen und beim CSD sind für Abtanz-Anhänger einfach kein Ersatz. Dass die Loveparade 2006 in ihrer Geburtsstadt ein zeitgemäßes Revival erfahren wird, dafür steht auch das neue Veranstalterteam. Die alten Hasen um Planetcom plus engagierte B-Parade-Frischlinge, das gibt neuen Rumms. Und jetzt will sogar ein Unternehmen Geld dazugeben! Wie lange haben wir darauf vergebens gewartet. Deshalb lasst es uns versuchen. Die Berliner können am 15. Juli aus Freude über eine gelunge Fußball-WM absteppen. Jeder zugereiste Raver lässt statistisch gesehen 100 Euro hier, das läppert sich für die Wirtschaft. Und die Stadtvermarkter von Partner für Berlin bis Berlin Tourismus Marketing werden sich freuen, dass sie nicht länger neidisch nach Santiago de Chile, Kapstadt, Wien und Tel Aviv schielen müssen. Friede, Freude, Neubeginn!

Keine Frage, die Loveparade war mal ein großes Spektakel. Wer in den 90er Jahren mit durch den Tiergarten getanzt ist, kann im Alter noch seinen Enkelkindern davon vorschwärmen. Aber nur, wenn man die Liebesparade auch wirklich ruhen lässt. Sonst macht man eine Legende kaputt. Vor allem deshalb, weil heute niemand mehr freiwillig Techno hört. In Berlins Clubs ist die Bezeichnung „Raver“ inzwischen ein Schimpfwort, ehemalige Loveparade-Ikonen wie Westbam machen heute ausgefeilte elektronische Musik – die man auch gut finden kann, ohne vorher Pillen zu schlucken. Die Clubszene der Stadt gilt als die vielfältigste und experimentierfreudigste Europas. Und nur eine kleine Minderheit von Geschmacksresistenten freut sich noch auf das Gestampfe durch den Tiergarten. Es ist doch bezeichnend, dass jetzt ausgerechnet der Chef einer Fitness-Kette den Retter spielen will! Wenn dieser traurige Haufen im Sommer loszieht, ist das pure Anti-Werbung für Berlin. Dabei hat die Stadt während der WM doch so viele aufregende Partyabende vor sich. Die Musik dieses Sommers geht definitiv nicht „Rumms Bumm Bumm“, sondern „Olé, olé olé olé“. Aber wo die Macher der Parade schon aus der Versenkung aufgetaucht sind: Könnten sie nicht endlich ihre offenen Rechnungen bei der Stadtreinigung begleichen? Und danach aber endgültig Ruhe geben, bitte. Sebastian Leber

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