Berlin : Soll die Pflicht zum Diktate-Schreiben abgeschafft werden?

Susanne Vieth-Entus

Wenn Kinder viele Rechtschreibfehler machen, kann das viele Gründe haben. Aber ob sie nun zu wenig geübt haben, ob sie Legastheniker sind oder einfach zu wenig lesen: Mit benoteten Diktaten ist ihnen nicht zu helfen. Das haben viele Bundesländer längst begriffen: Sie verzichten darauf, Diktate als Klassenarbeiten zu verordnen. Das heißt aber nicht, dass die Schüler sich ohne Orthographie durchmogeln können. Im Gegenteil: Erstens ist es den Lehrern immer möglich, benotete Diktate zu schreiben, wenn ihnen dies geraten scheint. Zweitens können sie ohne Ende Übungsdiktate schreiben, um die Schwachpunkte der Schüler aufzuspüren. Und drittens ist ja geplant, dass in allen Klassenarbeiten von Geschichte bis Biologie die Zensur heruntergesetzt werden soll, wenn die Rechtschreibung miserabel ist. Deshalb steht also nicht zu befürchten, dass die Schüler künftig schreiben, wie sie wollen. Wenn Pflicht-Diktate tatsächlich so viel brächten, müssten Berliner Kinder ja viel besser schreiben als, sagen wir mal, bayerische Kinder, bei denen Diktate nicht vorgeschrieben sind. Berliner Kinder schreiben aber nicht besser. Daran kann’s also nicht liegen. Falls aber den Eltern an der Verbesserung der Rechtschreibung gelegen ist, sollten sie dafür sorgen, dass ihre Kinder mehr lesen. Sie können mit den Lehrern absprechen, dass auch in der Schule mehr Lektüre verordnet wird. Je mehr die Kinder lesen, desto besser stehen sie da: bei Pisa und bei der Rechtschreibung.

Die Schrift ist erst 5000 Jahre alt. Zu kurz war die Zeit, um Orthographie und grammatische Regeln ins menschliche Erbgut einzubrennen. Wer also schreiben und lesen will, muss sich diese Kulturtechnik mühsam aneignen. Dafür ist bekanntlich die Schule da. Die Eltern können helfen. Über die Methoden, wie Kinder am besten Lesen und Schreiben lernen, wird seit Jahrzehnten gestritten. Das Repertoire wird ständig ergänzt und modernisiert. Es muss nicht immer streng zugehen; es gibt auch gute spielerische Mittel, um die Schriftsprache in den Griff zu bekommen. Lernen funktioniert aber nur, wenn der Lernerfolg kontrolliert wird. Unbestechlich, quantifizierbar. Das heißt fürs Schreibenlernen: Um das gute alte Diktat kommt kein Kind herum. Es ist ein klassisches Kontrollinstrument, das selbst den Schülern hilft, Mängel zu entdecken, die gern schreiben und wenig Fehler machen. Den Lehrern erlaubt das Diktat außerdem, sich ein objektives Bild vom Leistungsvermögen der Klasse zu machen. Um dann vielleicht die eigenen Lehrmethoden zu verbessern – oder in Frage zu stellen. Es gibt inzwischen auch in Deutschland so viele kleine und große Menschen, die Mühe haben, sich einigermaßen korrekt schriftlich mitzuteilen. Das Diktat abzuschaffen hieße, die Augen davor zu verschließen. Nach dem Motto: Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. Dann wäre es auch nur konsequent, das kleine Einmaleins nicht mehr zu üben. Ulrich Zawatka-Gerlach

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