Berlin : Soll die Straße des 17. Juni autofrei werden?

Sigrid Kneist

Die Fußball-WM hat es eindeutig gezeigt: Die Straße des 17. Juni wird nicht als zwingende Ost-West- Verbindung für den Autoverkehr gebraucht. Während sich Hunderttausende auf der Fanmeile tummelten, blieben die vorhergesagten Megastaus rund um die Siegessäule aus. Dabei war die Stadt durch die vielen Fußballfans so voll wie selten. Die Autofahrer haben also problemlos andere Routen gefunden; der eine oder andere wird vielleicht auf die BVG umgestiegen sein. Das kann doch eigentlich nur im Sinne einer vernünftigen Verkehrspolitik sein. Was spricht also dagegen, diese mehrspurige Straße ständig für den Autoverkehr sperren? Zumal es doch ein Anachronismus ist, den Tiergarten, diesen großartigen Park im Herzen Berlins, durch eine breite Trasse, auf der sich Kolonnen stinkender Autos bewegen, zu zerschneiden. Bestimmt schaden Abgase dem Grün ebenso wie pinkelnde Fanmeilen- oder Loveparadebesucher. Die grüne Lunge der Stadt hat durch den Verkehr schwarze Flecken. Und das nicht nur punktuell zu einem Großereignis, sondern jeden Tag. Nein, die Straße des 17. Juni muss autofrei sein. Und das wird keineswegs dazu führen, dass sie zu einer leblosen Trasse verkommen wird. Fußgänger, Radler und Skater werden schon wissen, wie sie sich ihrer bemächtigen können.

Sie war beeindruckend, die Fanmeile auf der Straße des 17. Juni. Die Loveparade soll hier – wenn’s schon nicht anders geht – ihren Platz auch künftig haben. Auch andere Veranstaltungen mag es hier geben – hin und wieder. Aber nun muss Schluss sein mit den populistischen Vorschlägen: Die Straße ganz – oder wenn nicht schon für immer – so doch wenigstens im Sommer regelmäßig zu sperren. Warum? Was soll denn die Leute auf den Asphalt treiben, wenn sonst nichts passiert? Die Straße ist so breit, dass Fußgänger sich schnell fragen werden, was sie hier verloren haben. Wozu gibt es den Tiergarten ringsum? So ist das: Nur zu gern wollen viele, die lustvoll die „Meile“ genossen, nicht wahrhaben, dass der Spaß vorbei ist. Gerade war es das Vergnügen, dicht gedrängt auf Großbildschirme zu starren oder auch im Gedröhn der Techno-Wagen zu tanzen. Und morgen? Die Straße rauf und runter latschen, um des Prinzips wegen? Um den Sieg über die Motorisierung zu feiern? Da werden diejenigen, die sich heute für eine Fußgängerzone ereifern, schnell den Spaß verlieren. Zur Erinnerung: Die Straße des 17. Juni ist eine bedeutende Ost-West-Verbindung, gehört zum historischen Straßengerüst, wird täglich von zehntausenden Autos befahren. Für eine Spielwiese ist sie zu wichtig. Christian van Lessen

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