Berlin : Soll die Straßenbahn aufs Abstellgleis?

Pro&Contra: Senator Strieder will den Ausbau der Trambahnlinien stoppen, doch PDS, Grüne und der Fahrgastverband leisten Widerstand

Klaus Kurpjuweit

An der Straßenbahn scheiden sich seit jeher die Geister. Die einen lieben sie, die anderen hassen sie. Auch Kaiser Wilhelm II. wollte sie nicht Unter den Linden sehen. Deshalb musste damals für die querenden Bahnen sogar extra ein Tunnel Unter den Linden gebaut werden. Die SPD hatte sich in der Koalition mit der CDU einst den Ausbau des Netzes vorgenommen und war von den Christdemokraten gebremst worden. In der Partnerschaft mit der PDS bremst jetzt die SPD – wegen Geldmangels, wie Stadtentwicklungssenator Peter Strieder (SPD) sagt.

PDS, Grüne und der Fahrgastverband (IGEB) sind für den Weiterbau aller geplanten zusätzlichen Verbindungen, die SPD hält hingegen einzig an dem Vorhaben fest, die Gleise auf der Bernauer Straße von der Eberswalder Straße über den Nordbahnhof zum künftigen Hauptbahnhof-Lehrter Bahnhof zu verlängern. Für die neue Verbindung ist allerdings noch nicht einmal das Planfeststellungsverfahren richtig angelaufen. Es wird etwa 15 Monate dauern.

Zoff steht deshalb in der Koalition bevor. Im März will sich der Senat entscheiden, doch Strieder hat schon eigenmächtig die Arbeiten für die Strecke von der Mollstraße über die Karl-Liebknecht-Straße und weiter über den Alex bis vor das Rote Rathaus gestoppt. Mehr als 4 Millionen Euro sind für diese „Alex II“-Strecke bereits verbaut worden – vorwiegend für das Verlegen von Wasserleitungen. Strieder will durch den Baustopp Geld sparen und 5 Millionen Euro stattdessen in die Sanierung alter U-Bahntunnel stecken. 28 Millionen Euro soll das Projekt insgesamt kosten. Aus Sicht des Senators wäre dieses Geld nicht zukunftsträchtig angelegt, weil die Zahl der zu erwartenden Fahrgäste angesichts des Bevölkerungsrückgangs rapide sinke. Befürworter der umstrittenen Linie halten dagegen, eine Straßenbahn sei bereits wirtschaftlich, wenn sie pro Tag 5000 Fahrgäste befördere. Außerdem gehöre die Tram zu den finanziell günstigsten Verkehrsmitteln. Die BVG rechnet auf der Verbindung zum Alex mit 20 000 täglichen Passagieren.

Doch auch die offenbar gesicherte neue Linie auf der Bernauer Straße war immer wieder umstritten. Dabei ging es um die bei Tramprojekten übliche Frage, ob Autos durch die Straßenbahn zu sehr gebremst werden. Außerdem ist die Finanzierung schwierig, denn die Wasserbetriebe müssen ihre Leitungen unter der Straßenbahn-Trasse verlegen – wollen das aber nicht bezahlen. Und Bundesgeld fließt auch kaum. Förderwürdig sind nur Strecken mit eigener Trasse; auf der Bernauer sollen die Gleise aber auf der Fahrbahn liegen. Folglich müsste viel Geld vom Land kommen. Matthias Horth vom Fahrgastverband bezweifelt deshalb, ob das Projekt Bernauer Straße verwirklicht wird.

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