Berlin : Soll die Wilhelmstraße für Autos gesperrt bleiben?

Markus Hesselmann

Die Briten sind keine Panikmacher. Aber sie haben ihre Erfahrungen mit Terroristen – nicht erst seit den Anschlägen von Istanbul, nach denen auch in Berlin die Britische Botschaft stärker gesichert wurde. Die irische Terror-Organisation IRA hat auf der Insel jahrzehntelang gebombt. Auf englische Experten dürfte also Verlass sein, wenn es darum geht, die Sicherheitslage zu beurteilen und daraus die richtigen Konsequenzen zu ziehen. Und wir Berliner sollten im Umgang mit den Briten – den einstigen Gegnern, aus denen Beschützer und Freunde wurden – besonders aufmerksam sein. Was wollen wir uns also über die Unannehmlichkeit einer für Autos gesperrten Straße aufregen, wenn es um Leben und Tod gehen kann?

Die Öffnung der Wilhelmstraße für Radfahrer ist erst einmal eine gute Lösung. Die martialischen Betonklötze kommen weg und die Wilhelmstraße wirkt mit den neuen Pollern nicht mehr wie ein Hochsicherheitstrakt. Der Schutz vor Anschlägen mit Autobomben bleibt dabei gewahrt. Wer würde denn die Verantwortung übernehmen, wenn in der geöffneten Wilhelmstraße ein solcher Anschlag geschieht? Über freie Fahrt durch die Mitte der Stadt können wir nachdenken, wenn sich die internationale Lage irgendwann wieder entspannt. Die Briten werden die Ersten sein, die dann auf die Poller vor ihrer Haustür verzichten. Mit Sicherheit.

Das Gefährdungsniveau ist unverändert hoch, lautet das gängige Argument dafür, dass die Wilhelmstraße noch immer mit Betonpollern blockiert ist. Kann man nicht auch sagen: Die Gefährdung ist unverändert niedrig? Natürlich darf die Gefahr eines Anschlags nie ausgeschlossen werden, aber man muss die Kirche im Dorf lassen. Es gab bisher keinen einzigen konkreten Hinweis, dass Terroristen Anschläge in Deutschland planen – aber es gibt Hinweise, dass die wichtige Verbindungsstraße zum Schandfleck werden könnte. Touristen haben sicherlich keine Freude daran, gleich neben dem Wahrzeichen der Metropole Berlin – dem Brandenburger Tor – auf Poller zu stoßen, die einen ganzen Straßenzug blockieren. Die Geschäftsleute der Umgebung leiden erheblich, einige beklagen, dass sie Mitarbeiter entlassen oder sogar schließen müssen. Von den täglichen Erschwernissen der Anwohner einmal ganz abgesehen. Sicherheit ist notwendig. Dass darunter einige wenige leiden müssen, ist leider unvermeidbar. Aber das muss irgendwann ein Ende haben. Schließlich kann man von den Behörden verlangen, dass sie die Sicherheitsvorkehrungen der jeweiligen Lage anpassen. Und nicht aus übertriebenem Sicherheitsdenken auf unbestimmte Dauer von jedem Bewohner und Besucher der Stadt Opfer fordern, für die jede Notwendigkeit fehlt. Werner Schmidt

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