Berlin : Soll es an Berlins Schulen das Fach LER geben?

Ulrich Zawatka-Gerlach

Viele Mütter und Väter unterschätzen ihre Kinder. Sie staunen, wenn schon jüngere Schüler über den Sinn des Lebens philosophieren, nach dem lieben Gott suchen oder wissen wollen, wie die Menschen in anderen Erdteilen leben und denken. Im normalen Unterricht ist meistens kein Platz und keine Zeit für solche Fragen. Und der Religionsunterricht hat zuerst einmal die Aufgabe, die jeweils eigene Weltanschauung zu vermitteln und zu erklären. Christen sprechen mit den Kindern über das Christentum; Muslime lehren den Islam, und der Humanistische Verband schickt Lehrer in die Schulen, die eine Welt ohne Gott verkünden. Das ist alles in Ordnung, aber für die Kinder doch viel zu wenig. Und im schlechtesten Fall kann der – religiös oder atheistisch – bekennende Unterricht die Schülerinnen und Schüler sogar indoktrinieren. Auf der anderen Seite nehmen viele Schulkinder am freiwilligen Religionsunterricht gar nicht teil und haben überhaupt keine Chance, sich mit den Sinnfragen auseinander zu setzen, die das Leben und der Tod stellen. Auch für kleine Menschen ist das nicht gut. Ein Wahlpflichtfach Lebensgestaltung/Ethik/Religionskunde (LER) auch an der Berliner Schule wäre zumindest ein Angebot an alle, Religionen und Konfessionen kennen zu lernen, über kleine Alltagsdinge zu diskutieren, aber auch große Moralprobleme zu wälzen. Die meisten Kinder machen so etwas gern, und die Schule sollte sie dabei unterstützen.

Manche Diskussionen kehren regelmäßig wieder. Wie die Debatte um ein Pflichtfach Lebensgestaltung/Ethik/Religionskunde (LER). Diskutierte man vor einigen Jahren über die Verrohung im täglichen Leben im Allgemeinen und in der Schule im Besonderen, kam man auf fehlende Wertevermittlung – und landete bei LER. Das Fach sollte richten, wozu man Schule und Elternhaus nicht in der Lage sah. Diesmal ist der Auslöser der Debatte ein anderer: Die Gesellschaft entdeckt die Gefahr des Islamismus und will eine Ausbreitung in den Schulen verhindern. Konkret bedeutet das: Man will die ungeliebte Islamische Föderation aus den Klassenzimmern vertreiben. Das will der Bildungssenator über LER erreichen und ein in Glaubensfragen neutrales Fach gegen extreme religiöse Tendenzen setzen. Doch das Vorhaben kann nicht gelingen. Wer die christlichen Kirchen weiter in die Schulen lässt, wird auch anderen Glaubensrichtungen oder atheistischen Organisationen den Unterricht erlauben müssen. Zudem ist es eine Mär zu glauben, Werte im neutralen Rahmen vermitteln zu können. Für Kinder ist es klarer, einen Unterricht zu haben, der auf einem Wertefundament, beispielsweise des Christentums, ruht. Dass man über andere Religionen oder Weltanschauungen informiert wird und Toleranz ihnen gegenüber offen vertritt, sollte selbstverständlich sein. Das Bekenntnis dazu muss Voraussetzung sein. Wer sich daran nicht hält, hat in der Schule nichts zu suchen. Sigrid Kneist

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