Berlin : Soll es ein Pflichtfach Schwimmen in der ersten Klasse geben?

Werner van Bebber

Nicht alles, was für die Bildung und Erziehung der Kinder sinnvoll ist, gehört in die Schule. Das Schwimmen aber schon, aus einer ganzen Reihe von Gründen. Der erste liegt am nächsten: Wer mit sechs schwimmen gelernt hat, wird nicht ertrinken. Zweitens werden immer mehr Kinder immer unsportlicher und dicker. Dafür sind vor allem ihre Eltern verantwortlich. Und wie es sinnvoll ist, Kindern in der Schule etwas von vernünftiger Ernährung zu vermitteln, so ist es sinnvoll, wenn eine Schule viel Sport anbietet. Schlimm genug, was Kindern vorenthalten wird, wenn sie gerade mal drei Stunden Sport pro Woche haben. Das ist zu wenig. Deshalb sollte, auch wenn es etwas kostet, das Schwimmen dazukommen. Ein weiterer Grund: Schwimmen ist praktizierte Integration – wenn man Ausnahmen nicht zulässt. Niemand, der es gut mit seinen Kindern meint, kann etwas dagegen haben, dass Sechsjährige in Badehose oder Badeanzug im Schwimmbad zusammen sind. Und manches Mädchen, das zu Beginn seiner Schulzeit ganz integriert war, wird sich vielleicht später weniger leicht desintegrieren und altorientalischen Wertvorstellungen unterwerfen lassen. Schwimmenlernen ist sozusagen Prävention auf allen Ebenen – was sogar Finanzpolitiker erkennen, wenn sie nicht nur in Fünfjahreszeiträumen denken. Und Freude macht es auch.

Schwimmen ist eine wichtige Grundfertigkeit des Menschen. Sucht er eine Anstellung als Wasserretter oder Flottillenadmiral, wird er ohne Schwimmkenntnisse keine Chance haben. Die Frage ist nur, ob die Schule, die sich schon mit den elementaren Themen so schwer tut, auch dafür zuständig sein muss. In den letzten Jahren war der Trend eindeutig: Alles, was Familien nicht mehr auf die Reihe bekommen, wurde den Schulen aufgehalst, Zähneputzen, Radfahren und Schuhezubinden eingeschlossen. Richtig ist, dass Menschen, die nicht schwimmen können, gelegentlich deshalb ertrinken. Das ist tragisch. Aber niemand leitet aus der Tatsache, dass es Verkehrstote gibt, den Vorschlag ab, man müsse die Führerscheinausbildung in die Schulen verlagern. Hinzu kommt, dass die Lage der öffentlichen Haushalte es kaum noch erlaubt, Schwimmbäder in der Nähe jeder Schule zu den passenden Zeiten offen zu halten, und dass der Aufwand für qualifizierten Schwimmunterricht unverhältnismäßig viel Personal bindet. In einer perfekten Welt spräche nichts dagegen, alles in der Schule anzusiedeln, was der Mensch beherrschen soll, Schwimmen eingeschlossen. Doch gegenwärtig reicht es mit knapper Not für die absoluten Pflichtfächer. Es führt kein Weg daran vorbei, die Eltern an ihre Verantwortung zu erinnern. Ertrinkt ein Kind, ist daran nicht die Schule schuld. Bernd Matthies

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