Berlin : Soll es ein Pflichtfach Wertekunde für alle Schüler geben?

Annette Kögel

Warum muss immer erst etwas passieren, damit etwas geschieht? Wie jetzt bei der Diskussion über ein Wertekunde-Pflichtfach an der Schule. Endlich zeichnet sich nach jahrelangen fruchtlosen Diskussionen ab, was die Berliner Schule dringend braucht: Verbindlichen Wertekunde-Unterricht für alle Kinder und Jugendlichen. Denn nur in gemeinsamen Ethikstunden können Schüler verschiedener Herkunft miteinander und voneinander lernen und Vorurteile abbauen. Schüler sollten nicht nach Glaubensrichtungen getrennt sich ausschließlich mit ihrem Glauben beschäftigen, sondern von Anfang an Verständnis für andere Weltanschauungen und Glaubensrichtungen entwickeln. So, wie bilingual erzogene Kinder beide Sprachen spielerisch erwerben, könnten nachfolgende Generationen in gemeinsamer Ethikkunde gemeinsame Werte entwickeln. Trotzdem hätte jede Glaubensrichtung ihren festen Platz – und die Schüler würden begreifen, wie viel verbindendes es gibt zwischen Buddhisten, Christen, Hindus, Juden, Moslems. Ein Beispiel? Im Koran steht geschrieben, dass Prophet Mohammed gemeinsam mit Jesus im Himmel betete; dass der Koran Jesus Christus als Prophet Gottes anerkennt. Erst gemeinsame Wertekunde vermittelt Kinder, dass keine Religion über der anderen steht. Hier beginnen Akzeptanz, Toleranz, Integration.

Ein gemeinsamer Werteunterricht ist natürlich besser als gar kein Werteunterricht. Trotzdem ist es die falsche Lösung. Denn die Gefahr besteht, dass die Kinder in der Klasse dann wie Blinde von der Farbe reden. Denn wie soll jemand über Werte in den Weltreligionen diskutieren, über Gemeinsamkeiten und Unterschiede, wenn er nicht das Fundament des eigenen christlich-jüdischen oder muslimischen Kulturkreises kennt? Nur wer seine Muttersprache beherrscht, kann erfolgreich eine fremde Sprache lernen. Sprachpädagogen wissen das. Um sich die eigene Basis anzueignen, braucht es aber schon einige Jahre und einen Fächerkanon, in dem ganz klassisch katholischer, evangelischer und muslimischer Religionsunterricht angeboten wird. Die Bibel und der Koran mit ihren kulturellen Traditionen und Auslegungen lassen sich nicht im Schnellverfahren vermitteln. Zumal den wenigsten Kindern im Elternhaus kulturelles Wissen in dieser Hinsicht vermittelt wird. Bei muslimischen Kindern mag es anders aussehen, immer mehr von ihnen besuchen schon früh die Koranschulen. Ein gemeinsamer Werteunterricht birgt die Gefahr, dass aus allen Religionen Häppchen vermittelt werden, die am Ende zu einem Brei verkochen. Ein Brei aber wird leicht löchrig und taugt nicht als stabiles Fundament, um sich frei und tolerant zu begegnen. Claudia Keller

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