Berlin : Soll Jürgen Klinsmann zum Ehrenbürger Berlins ernannt werden?

Annette Kögel

PRO

Ein Boulevard-Blatt hat es mal so formuliert: „Klinsi, mach uns grinsi!“. Das hat er geschafft, und zwar völlig unabhängig vom Tabellenplatz bei der WM. Dem Bundestrainer ist gelungen, was weder Bundespräsidenten mit Ruckreden noch die Bundeskanzlerin mit Appellen ans Wählervolk vollbracht haben. Er prägt durch sein Auftreten das neue Deutschland: unbeschwert patriotisch, grenzenlos gastfreundlich, ausgelassen fröhlich, modern multikulturell, bescheiden und besonnen. Jahrzehntelang betriebene Integrationspolitik hat das nicht geschafft, was Klinsmanns Ausstrahlung vor allem in Berlin bewirkte: Dass junge Leute leidenschaftlich gemeinsam die deutsche Fahne hoch halten, egal ob sie arabischer, türkischer oder deutscher Abstammung sind. Die deutsche Nationalmannschaft ist dank ihres Trainers, wie es so schön heißt, Weltmeister der Herzen geworden. Und Berlin Weltmeister im Feiern. Vier Wochen lang haben die Völker der Welt dank Klinsmann auf diese Stadt geschaut, auf Stadion, Fanmeile, das Quartier der deutschen Mannschaft. Dass Trainer und Team heute extra nach Berlin auf die Fanmeile kommen, um sich von der WM und den Berlinern zu verabschieden, auch das dokumentiert seine Verbundenheit mit dieser Stadt. Klinsmann ist aller Ehren wert.

CONTRA

Ja, so schön ist das: Die Fußballweltmeisterschaft war viel mehr als nur ein Sportereignis. Sie war ein landesweites Fest, das einen jungen, freundlichen Patriotismus wachgeküsst hat, der nicht gleich Krieg und Nazis war. Einen Teil der Euphorie verdanken wir der jungen, netten National-Elf, die der junge, nette Jürgen Klinsmann turnierfit gemacht hat. Dafür will man ihm nun danken, das soll man tun. Die Ehrenbürgerwürde des Landes Berlin ist dafür aber kein geeignetes Mittel. Sie soll die Wertigkeit behalten, die sich an der Liste der Würdenträger ablesen lässt, darunter Politiker wie Konrad Adenauer, General Lucius Clay, der Mediziner Rudolf Virchow, der Kunstmäzen Heinz Berggruen. Sie haben sich – wie es formuliert wird – „in hervorragender Weise um die Stadt verdient gemacht“. Das hat Jürgen Klinsmann nicht. Und er hat sich auch nicht um Deutschland verdient gemacht. Klinsmann hat das deutsche Team gut vorbereitet, das dann gut gespielt hat. Nicht nur in Berlin, in allen Städten gab es tolles Publikum, ob in den Stadien oder auf den Fanmeilen, und nicht zuletzt gab es vier Wochen lang schönes Wetter. Das alles hat die WM zu dem Fest gemacht, das es ist. Nichts davon rechtfertigt eine Ehrenbürgerwürde. Außerdem: Deutschland ist im Halbfinale rausgeflogen. Schon vergessen? Ariane Bemmer

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