Berlin : Soll man Falschparkern den Führerschein wegnehmen?

Jörn Hasselmann

Paragraf 1 der Straßenverkehrsordnung hat nur zwei Sätze: „Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht. Jeder Verkehrsteilnehmer hat sich so zu verhalten, dass kein anderer geschädigt, gefährdet oder mehr, als nach den Umständen unvermeidbar, behindert oder belästigt wird.“ Nun hat ein Autofahrer in wenigen Jahren 100 Knöllchen kassiert. Kaum anzunehmen ist, dass die Polizei bei jedem Fehlverhalten danebenstand. Wahrscheinlicher ist, dass er sich tagtäglich falsch verhielt und nur ein Bruchteil der Gefährdungen und Behinderungen bekannt wurde. Denn Falschparken ist eine Gefährdung oder eine Behinderung – auch wenn viele Verkehrsteilnehmer das als lässliche Sünde betrachten. Erstaunlicherweise begreift keiner der Zweite-Reihe-Parker, dass er den Stau produziert, über den er sich sonst ärgert. Vor allem die Lieferwagen und Paketdienste sind es, die die Stadt lähmen, häufig sind deren Fahrer so dreist, dass sie selbst vor freien Parklücken in zweiter Spur stehen – weil das Einparken ja zehn Sekunden kostet. Leider hat die Polizei kapituliert vor diesem Massendelikt. Wenn jetzt einem Berliner die Fahrerlaubnis entzogen wurde, dann ist das richtig und vernünftig. Er hat jetzt lange Zeit, Paragraf 1 auswendig zu lernen.

Falsch parken – das ist ein deutsches Thema. In unserem Land soll alles ordentlich an der richtigen Stelle stehen. Vor allem die Autos. Auch wenn es in Berlin, wie in allen großen Städten, mehr Autos als Parkplätze gibt. Was machen die, die keinen abbekommen? Sie parken falsch. Mit schlechtem Gewissen und einem Knöllchen, eingeklemmt unter dem Scheibenwischer. Auch das Knöllchen hat in Deutschland und seiner Hauptstadt seinen festen Platz. Es gibt aber auch Länder, vorzugsweise rund ums Mittelmeer oder in Südamerika, in denen die Autos fast überall abgestellt werden. In der zweiten, manchmal sogar in der dritten Reihe. Kreuz und quer, dann fließt der Verkehr drumherum und keiner regt sich darüber auf. Falsches Parken ist dort kein Delikt, das in schlimmen Fällen mit dem Entzug des Führerscheins bestraft wird, sondern eine harmlose Begleiterscheinung des urbanen Lebens. Trotzdem sind die Menschen dort nicht unglücklicher als bei uns; jedenfalls nicht wegen eines im Parkverbot abgestellten Autos. Und die Polizei kann sich um sinnvollere Dinge kümmern, als Bußgeldbescheide auszufüllen. Es mag Ausnahmen geben – etwa wenn ein Fahrzeug eine Feuerwehreinfahrt verstellt. Ansonsten sei allen strengen Park-Wächtern empfohlen: immer schön locker bleiben. Ulrich Zawatka-Gerlach

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