Berlin : Soll man geschlossene Heime für Kinder einrichten?

Jörn Hasselmann

Der erste Diebstahl mit neun, die erste Schlägerei mit zehn, der erste Straßenraub mit elf. Staatsanwälte und Polizisten können viele solcher Beispiele krimineller Karrieren von Kindern nennen – und lassen dann den Stoßseufzer folgen: „Staatliche Reaktion darauf: Null.“ Diese erfolgt erst, wenn das Kind 14, also strafmündig ist. Doch bis dahin haben die jungen Täter oft schon sechs oder sieben Jahre lang gestohlen, geprügelt, geraubt, viele haben Dutzende Einträge in ihrer Akte. „Bei denen warten wir nur darauf, dass sie 14 werden“, sagen die für Intensivtäter zuständigen Staatsanwälte – und ärgern sich, dass keine Versuche unternommen werden, solche Kinder zu stoppen. Die jungen Täter wachsen meist in kaputten Familien auf, die weder Kraft noch Willen haben, erziehend einzugreifen. Doch auch in Berlin gibt es keinen politischen Willen, erziehend einzugreifen – indem Kinder aus solchen Familien herausgeholt und in geschlossene Heime gesteckt werden. Dass hier Kinder nur dann aus einer Familie genommen werden können, wenn diese – und das Kind - damit einverstanden sind, ist ein Skandal. Ein solches Heim ist kein „Kinder-Knast“, wie Generationen von Kuschel-Pädagogen es verteufelt haben. Es ist vielmehr der aufwändige Versuch, solchen Kindern Grenzen zu setzen – erstmals im Leben. Sicher ist diese intensive pädagogische Betreuung teuer. Doch angesichts verängstigter Jugendlicher, verprügelter Lehrer und nun gar eines erschlagenen Kindes muss es uns das wert sein.

Hektischer Aktionismus macht mehr kaputt, als dass er hilft. Wie andere Bundesländer besitzt auch Berlin keine geschlossenen Jugendheime, die einem Gefängnis ähneln – und braucht sie auch in Zukunft nicht. Der Staat hat schon jetzt alle Möglichkeiten, die Gesellschaft vor jungen Menschen, die ihr gefährlich werden, zu schützen. Der 16-Jährige, der den kleinen Christian tötete, hätte schon nach geltendem Recht aus dem Verkehr gezogen und in U-Haft gesteckt werden können. Wenn jetzt aber generell auffällige Kinder und Jugendliche hinter Schloss und Riegel ins Heim kommen sollen, ziehen wir uns Kriminelle noch gefährlicheren Kalibers heran. Dort werden die Kinder nämlich aus ihrer Welt gerissen, die letzten intakten Wurzeln gekappt, und sie verweigern sich Sozialarbeitern und Psychologen ganz automatisch. Doch man kann nur dann mit jungen Menschen arbeiten, wenn sie sich darauf einlassen. In so einem Knast-Heim ist das nicht der Fall. Dort werden sie trotzig, weil sie sich abgeschoben fühlen. Und lernen zu allem Übel oft ganz andere Ghetto-Kids kennen, bei denen Haftbefehle als Trophäen gelten. Viele Täter waren – wie Ken – selbst Opfer: vernachlässigt, ignoriert, allein gelassen. Man muss früh auf Sorgenkinder zugehen, dann kann man verhindern, dass sie Monster werden. Und das geht besser in offenen Einrichtungen, etwa in Brandenburg. Ohne Schließer, ohne Gitter – aber mit Kilometern Grün drumherum. Das genügt. Kinder dürfen sich nicht fühlen wie im Gefängnis. Annette Kögel

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