Berlin : Soll sich Berlin nach der WM für Olympia bewerben?

Stefan Jacobs

Olympia und Berlin – da war doch was?! Ja, da war was, aber man muss schon sehr gründlich in sich hineinhorchen, um sich an jene Kampagne zu erinnern, die schon tot war, bevor sie zu leben begonnen hatte. Ein gefühltes Lichtjahr ist das her. Nachdem es mit den Spielen 2000 nicht geklappt hatte, haben wir ja kaum Vorfreude auf die Fußball-WM gewagt. Jetzt ist sie da – und viel besser als erhofft. Noch nie war die Stadt so gut gelaunt, so erwartungsfroh und so entspannt wie jetzt. Das haben wir nicht nur den Zigtausenden zu verdanken, die teils um die halbe Welt gereist sind, um Berlin und die Stimmung zu genießen. Sondern wir haben das auch den Berlinern – uns! – zu verdanken: Weil wir unsere Zeit nicht mehr damit vertun, uns über Kleinigkeiten wie rote Ampeln oder Linkssteher auf Rolltreppen aufzuregen. Weil wir stattdessen zurücklächeln, wenn wir angelächelt werden. Weil wir – inklusive Busfahrer, Sicherheitsleute, Verkäufer, Polizisten – so nett zu den Leuten aus aller Welt sind wie sie zu uns. Wir werden diese Stimmung vermissen, wenn die Gäste abgereist sind. Aber wir werden uns so gern daran erinnern wie sie. Jeder will geliebt werden – und wir hatten es nie so leicht wie jetzt, uns in aller Welt beliebt zu machen. Warum sollen wir diese Chance nur einmal im Leben nutzen, wenn wir sie mit Olympia vielleicht ein zweites Mal haben können?

Noch ist die Stadt voller trötender und grölender Fußballfans, und schon soll über Olympia nachgedacht werden? Bloß nicht! Reicht es nicht voll und ganz, einmal im Leben hautnah einen halbjährigen Kommerzmarathon um ein banales Sportereignis erlebt zu haben? Monatelang nichts anderes in den Schaufenstern und Vitrinen, auf Leinwänden und Plakaten zu sehen als Sportgeräte? Wollen wir wirklich noch einmal eine Zeit mitmachen, in der jede noch so entfernteste Veranstaltung, selbst der Gottesdienst am Sonntag, krampfhaft auf das eine Thema hingedreht wird? Das ist eine rhetorische Frage. Ich meine: Nein. Ganz zu schweigen, was die Olympischen Spiele die Hauptstadt kosten würden. Vielleicht sind bis 2020 endlich mal alle Kräne in der Stadt abgebaut. Die Jahre vor den Spielen wären sie wieder gegenwärtig. Wie sich aber jetzt wohl schon erahnen lässt, ist die WM nicht unbedingt ein finanzieller Knüller für die Stadt. Hotelbetten stehen leer, und die Kaufhäuser sind nicht unbedingt die Orte, an die es die Fans zieht, ebenso wenig wie in die Bundestagsarena, die für über zwei Millionen Euro gebaut wurde. Und auf internationale Gäste sind wir Berliner dann auch nicht mehr so angewiesen wie heute. Bunt sind wir dann selbst: 2020 wird jeder zweite Berliner aus einer Einwandererfamilie stammen. Die Welt ist spätestens dann in der Hauptstadt zu Hause. Claudia Keller

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