Berlin : Soll Trinken in der Öffentlichkeit verboten werden?

Ariane Bemmer

Geschätzte 250000 Menschen in Berlin sind alkoholkrank, mehr als ein Drittel hat keinen Job, was sicher alle beklagenswert finden. Und doch: Wenn man sich tagtäglich vor die Gedächtniskirche setzt und sich bis zur Bewusstlosigkeit besäuft, dann bietet dem keiner Einhalt. Das ist auch ein Anzeichen für Verwahrlosung, ein Hinweis auf eine Gesellschaft, die sich nicht mehr kümmert, um sich selbst nicht, um ihre Umgebung nicht, um andere nicht. Es geht dabei keineswegs nur darum, dass es nervt, wenn man von bierseligen Alkoholikern beim Vorbeigehen angeblubbert wird. Oder Angst hat vor Neonazis, die sich an S-Bahnhöfen oder vor Einkaufscentern kollektiv besaufen. Sie alle sollen vielmehr merken, dass es soziale Kontrolle gibt, dass die Mehrheit ihr Verhalten nicht toleriert. Sie sollen sich zusammennehmen oder sich helfen lassen.Und die anderen sollen sich darum kümmern, dass ihre Regeln von allen eingehalten werden. Sonst überlassen die Nicht-Alkoholiker, Nicht-HundehaufenLiegenlasser, Nicht-gegen-Häuser-Pinkler noch mehr Raum denjenigen, die sich danebenbenehmen. Aber es kann nicht sein, dass immer nur die einen tolerieren, und die anderen machen, was sie wollen. Hier muss umgedacht werden. Und im Trinker-Fall schränken sich jetzt mal die Alkoholiker ein.

Wenn man wenigstens sagen könnte: Die Spandauer sind fein raus. Sie verbieten das Trinken auf den Parkbänken, spielen auf ihrem Marktplatz heile Welt und scheren sich einen Dreck darum, dass sich die „Alkis“ auf den anderen Plätzen der Stadt festtrinken. Aber nicht mal diese Minimallösung ist aufgegangen: Die ungeliebten Stammgäste sitzen in Spandau noch immer auf der Bank, trinken nicht weniger, sondern nur heimlich. In Amerika sind sie mit den Versuchen, öffentliches Trinken zu verbieten, schon lange gescheitert: Da verbindet jeder Sechsjährige eine braune Papiertüte mit harten Alkoholika. Und seien wir ehrlich: Stört uns die Bierflasche neben der Parkbank wirklich? Der Arbeitslose, der sich 3,50 Euro fürs Pils im Biergarten nicht leisten kann? Kaum. Was nervt, sind die Pöbeleien einiger weniger, das Gegröle und Genöle. Um das zu unterbinden, braucht man keine Trinkverbote oder neue Schilder: Die Polizei muss die bestehenden rechtlichen Möglichkeiten nur konsequent anwenden – bis hin zum Platzverweis. Die demnächst patrouillierenden Männer von den Ordnungsämtern werden sich bedanken, der wirkungslosen Lex Spandau in der Stadt zum Durchbruch zu verhelfen – frei nach dem Motto: „Guten Tag! Dürften wir mal an Ihrer Thermoskanne riechen?“ Katja Füchsel

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