Berlin : Soll zur WM im Tiergarten Camping erlaubt sein?

Stefan Jacobs

Pro Camper sind anspruchslose Menschen. Drei unversiegelte Quadratmeter reichen aus, ein Mülleimer in der Nähe ist schön, ein Wasserhahn Luxus. In einer Gegend wie dem Tiergarten wäre ein Klohäuschen in Reichweite wohl ebenfalls angebracht. Außerdem vielleicht ein wenig Toleranz. Mehr braucht man nicht. Skandinavier und Balten führen vor, wie entspannt das geht. Und weil wir in Deutschland ja auch gern entspannt wären, ist eine Ausnahmesituation wie die Fußball- WM die ideale Gelegenheit zum Üben. Wer im Tiergarten campen will, bleibt nicht wochenlang, sondern für ein, zwei Nächte. Würde man ihn vertreiben, zöge er gewiss nicht ins 80-Euro-Hotelzimmer um, sondern auf ein anderes Stück Erde, in dem die Zelthaken halten – und wenn’s die Uferböschung hinter dem Kanzleramt ist.

Natürlich könnten ihn Kiezstreife & Co. auch dort verscheuchen und damit kurzfristig dem Stadtbild helfen. Aber das Berliner Image wäre noch verdorben, wenn die für die Arena am Reichstag mit behördlicher Genehmigung planierte Grünfläche längst wieder hergerichtet ist. Angesichts des auch nach acht Love Parades noch grünen Tiergartens wissen wir: alles halb so schlimm. Wer Müllberge fürchtet, müsste ohnehin sämtliche Parks jedes Wochenende sperren. „Die Welt zu Gast bei Freunden“? Ein Freund ist nicht kleinkariert. Ein Freund ist, wer sich über Besuch freut.

Contra Was war es eine Erleichterung, als sich die Raver vor einigen Jahren selbst abgeschafft hatten. Und nicht mehr den Tiergarten einmal pro Jahr zertrampelten, vermüllten und als Freiluft–Klosett missbrauchten. Neue Rasensaat, Sträucher und Büsche haben uns in diesen Jahren angeblich eine knappe Million Euro gekostet – ganz schön viel Geld, dafür, dass ein Wochenende pro Jahr mal ordentlich die Sau rausgelassen wurde.

Nun wird Fußball-Fans der Tiergarten als Nachtlager angepriesen. Für die ist das bequem, denn sie müssen dann nach dem Besuch der Fanmeile auf der Straße des 17. Juni nicht mehr so weit laufen. Seien wir ehrlich: Im Tiergarten werden nicht diejenigen Fans gesittet campen, die zuvor im Stadion ein Spiel gesehen haben. Nein, auf dem Rasen werden diejenigen besoffen umfallen, die an gleicher Stelle zuvor kistenweise Bier vertilgt haben. Denn auch das hat uns die Love Parade gelehrt. Dass nämlich der Tiergartenrasen nicht nur zum Campen taugt, sondern auch zum Feiern. Und genauso sah es früher dort auch aus.

Das darf sich nicht wiederholen, dazu ist der Tiergarten zu schade und das Geld in der Landeskasse viel zu knapp. Zumal den jugendlichen WM-Besuchern, denen das Geld für ein Hotel fehlt, ganz in der Nähe der Fanmeile im alten Poststadion in Moabit ein billiges Quartier geboten wird. Jörn Hasselmann

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