Berlin : Sollen die Adventssonntage verkaufsoffen sein?

Lars von Törne

Das Problem kennt wohl jeder Berufstätige, der in den Wochen kurz vor Weihnachten einkaufen gehen will: Nie reicht die Zeit. Weder um Geschenke zu finden, noch um all die anderen Sachen zu besorgen, die man fürs Fest so braucht. Man hetzt sich nach dem eigenen Feierabend ab, kämpft sich durch überfüllte Kaufhäuser, und hat, bevor Weihnachten überhaupt angefangen hat, vor lauter Stress schon keine Lust mehr auf die Feier. Das könnte dieses Jahr anders werden. Der Senat will den Berlinern das Einkaufen auch an den Adventssonntagen ermöglichen – ein Geschenk für Menschen mit wenig Zeit. Die drei Sonntage vor dem 24. Dezember geben ihnen die Möglichkeit, in Ruhe einzukaufen. Und nebenbei kurbeln sie die schwächelnde Wirtschaft an, denn wer entspannt einkauft, gibt mehr aus als ein gestresster Schnell-Shopper. Das Argument der Kirchen und der Gewerkschaften, die Sonntagsruhe und Familie gefährdet sehen, ist vorgeschoben. Einen ruhigen Sonntag, auch mit Kirchbesuch, kann man weiterhin haben. Es wird niemand durch die Neuregelung zum Einkaufen gezwungen. Und was die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für die Mitarbeiter des Einzelhandels angeht: Schon heute gibt es Berufsgruppen, die sonntags arbeiten müssen – Polizisten, Busfahrer, Ärzte oder Journalisten. Es ist nicht einzusehen, wieso Verkäufer einen besonderen Schutz verdient hätten.

Seit wie vielen Jahren jammern wir uns gegenseitig vor, dass Weihnachten nur noch Kommerz ist und die eigentliche Bedeutung des Festes immer mehr in den Hintergrund tritt? Wie viele Kinder in dieser Stadt verbinden mit Weihnachten noch die Geschichte von Christi Geburt und nicht nur Berge von Geschenken? Darüber dürfen wir uns nicht mehr beklagen. Denn zurzeit erfahren sie, dass nur das Geschäftemachen zählt: Vor Weihnachten sollen die letzten Schranken fallen und das fast unbegrenzte Shoppen auch an den Adventssonntagen möglich sein. Der Konsumdruck wird noch größer. Als ob den Händlern für ein gutes Weihnachtsgeschäft nicht auch sechs Tage in der Woche reichen. Abgesehen davon, verdient es jeder Sonntag, unter besonderen Schutz gestellt zu werden. Um das zu verstehen muss man nicht Christ sein. Denn nicht ohne Grund haben fast alle Gesellschaften in der Welt und die großen Religionen einen Tag in der Woche dazu bestimmt, innehalten und zur Ruhe kommen zu können. Die Zäsur im Alltag tut gut. Vor allem Familien mit Kindern, die dann auch einmal Zeit haben, sich mit- einander zu beschäftigen. Dazu braucht es Ruhe und Entspannung ohne äußerlichen Druck und die Ablenkung durch offene Geschäfte. Wenn der Sonntag immer mehr ein Tag wie jeder andere wird, ist das nicht länger möglich. Völlig unnötig geben wir diese uralte gesellschaftliche Errungenschaft auf. Sigrid Kneist

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