Berlin : Sollen die Fans mit billigem Bier früher ins Stadion gelockt werden?

Markus Hesselmann

Das Prinzip „Happy Hour“ kann in Berlin als hinreichend erprobt und gut eingeführt gelten. Überall in der Stadt vollbringen es Kneipiers und Barkeeper, ihren Laden mit günstigen Getränke-Preisen auch zu ungünstigen Zeiten zu füllen, indem sie diese sehr frühen oder sehr späten Stunden einfach zur „Glücklichen Stunde“ umwidmen und billigeres Bier oder billigere Cocktails ausschenken. Es ist das schlichte Prinzip von Angebot und Nachfrage, das hier für alle Beteiligten segensreich wirkt.

Warum also soll man Gleiches nicht auch im Olympiastadion versuchen? Zumal es ja in dem Fall nicht einmal vorrangig ums Geldverdienen geht, sondern um den Wunsch, die Ankunft der Massen so zu entzerren, dass das Spiel pünktlich beginnen kann und nicht noch Hunderte zur Unzeit vor den Toren stehen.

Dazu kommt grundsätzliches Fußballphilosophisches: Der wahre Fan hat wenig Verständnis für die späten Zuschauer, die kurz vor oder sogar kurz nach Anpfiff zum Schalensitz hasten und ihren Nachbarn dabei Knöchel und Knie demolieren. Die langsame Annäherung ans Stadion, das Verweilen am Bierstand, der letzte Blick in den Sportteil, der Austausch über die Aufstellung mit Gleichgesinnten – all das gehört doch zum Erlebnis eines Fußball-Sonnabends. Leider hat sich das noch nicht bis Berlin, der Stadt der notorischen Spätkommer, herumgesprochen.

Eine erzieherische Maßnahme kann helfen. Zwanglos, mit billigem Bier und billiger Bratwurst.

Glaubt wirklich jemand, die Leute würden eine halbe Stunde früher ins Stadion kommen, bloß weil das Bier ein paar kümmerliche Cent billiger ist? Dafür müssten sie dann anderseits noch länger das Vorprogramm erdulden – zum größten Teil bestehend aus Werbung und schlechter Musik. Die Leute mit billigerem Bier zu animieren, sich die dürftige Unterhaltung schönzusaufen, kann auch nicht im Sinne der Veranstalter sein. Ohnedies fangen die meisten Fußball- Trinker schon zu Hause mit konkurrenzlos günstigem Flaschenbier an und füllen sich an den Buden vor dem Stadion endgültig ab. Eine „Happy Hour“ im Stadion würde diesen kleinen Imbissbetreibern das Leben schwerer machen, und die können nun wirklich nichts dafür, dass die Leute nicht früh kommen, obwohl sie wissen, es wird voll. Auch Hertha und dem Stadion-Management kann man eigentlich keinen Vorwurf machen. Vor dem Schalke-Spiel wurde im Radio mehrfach und unmissverständlich auf den zu erwartenden Andrang hingewiesen. Die Einlasskontrollen arbeiteten zügig, alle Tore waren geöffnet, genügend Ordner im Einsatz. Aber die Menschen folgen eben am liebsten ihrem gewohnten Trott, kommen zu spät – und verpassen prompt Bastürks Tor nach einem der schönsten Angriffszüge, die Hertha in dieser Saison gespielt hat. Und dies würde das Stadion vermutlich früher und insgesamt besser füllen als alle Manipulationen am Bierpreis: brillantes Spiel, frühe Tore, die keiner versäumen will. Holger Wild

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