Berlin : Sollen die Plastikzelte und Heizpilze von den Straßen verschwinden?

Stefan Jacobs

Als Kinder haben wir im Winter gern aus dem offenen Fenster geschaut: Beine an der Heizung, Nase im Wind. Bis Oma kam und uns wahlweise das Fenster oder die Heizung zumachen oder abdrehen ließ: „Wir wollen doch nicht den Weltraum heizen!“ Damals wussten wir noch nicht, dass wir den Weltraum längst mehr heizen, als ihm und uns guttut. Jetzt sind wir erwachsen, bezahlen unsere Heizkostenrechnung selber und kehren von jeder Radtour mit dem Gefühl zurück, soeben den Planeten für unsere Kinder bewahrt zu haben. Wir haben auch verstanden, dass Flugreisen für eine Hand voll Euros die größte anzunehmende Energieverschwendung sind. Und gleich nach den Billigflügen kommen die Heizpilze, die mit dem Energieverbrauch eines Autos (dessen Motor wir übrigens ausmachen, während wir im Restaurant sitzen) eine flüchtige Wärme von sich geben: Mit einem Wind ist alles weg. Heizpilze heizen nicht – oder ist das Zelt vor dem Restaurant nach einer Minute ohne noch warm? – Heizpilze schmeißen Hitze. Und zwar weg. Das mag an einem überraschend kühlen Frühlingsabend ausnahmsweise gut sein, aber nicht als Waffe gegen fünf Monate Berliner Wintersuppe. Vor Jahrtausenden begannen die Menschen, sich feste Behausungen zu bauen. Und jetzt lassen wir uns von irgendwelchen Weltraumheizern zum Essen in schauerliche Notunterkünfte auf dem Gehweg setzen, statt in die gute Stube zu kommen? Um Himmels willen.

Lasst nur wieder kräftig die Sonne scheinen: Da drängt’s die Berliner sowieso nach draußen! Da wollen sie auch in kühler Jahreszeit das mediterrane Gefühl genießen, viel Luft zum Atmen zu haben. Ein bisschen Bali an der Bergmannstraße. In dicker Jacke vorm Café zu sitzen, angenehm erwärmt von einem Heizgerät und einem heißen Getränk – das hat Stil. Es wird doch keiner ins Freie gezwungen. Er kann drinnen die verqualmte Luft inhalieren. Die Wirte, die Heizgeräte herausstellen, haben das ganze Jahr über teuer für das Straßenland bezahlt. Verständlich, dass sie dafür auch was haben wollen. Die Zelte, die sie errichten, sind flexibel, luftig und schnell abbaubar, also keine ständige Einrichtung. Wenn es zu ungemütlich wird, setzt sich ohnehin niemand nach draußen. Die Heizgeräte sind technisch überprüft und sicher. Warum also den Drang ins Freie verbieten oder einschränken? Warum der einschnürenden Ordnungs- und Paragrafensucht Vorschub leisten? Wollen wir nicht Bürokratie abbauen? Und der Aufschei wegen der Energieverschwendung: Unsere Einkaufsstraßen sind derzeit wie Las Vegas illuminiert, Zehntausende Familien in Berlin verpulvern ihr Geld mit Lichterorgien an Fenstern und Fassaden. Fahren mit energieverschlingenden Geländewagen herum. Was sind dagegen die paar Heizpilze? Solange sie nicht den Kaffee oder das Pils verteuern, ist es allein Sache der Gastronomen, wie sie auf ihre Kosten kommen. Christian van Lessen

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