Berlin : Sollen die Yorckbrücken abgerissen werden?

Christian van Lessen

Einer der ekelhaftesten Gänge Berlins führt unter den Yorckbrücken entlang. Von oben kleckert Taubendreck, von der Seite stinken Autoabgase – und vor allem nachts empfehlen sich dringend andere, sicherere Pfade. Aber dann sieht man wenigstens die Brücken nicht so genau, die rostigen Relikte aus der großen Zeit des Anhalter Bahnhofs. Es ist ein Wunder, dass sie angesichts ihres trostlosen Zustands überhaupt noch standsicher sind. Die letzte Rostbeseitigung an einem Pfeiler liegt mittlerweile über 70 Jahre zurück. Die bekleckerten, zerfressenen, beschmierten grauschwarzen Scheusale sind auch noch Baudenkmale! Völlig unnütz. Sie führen sinnlos über die Straße, enden vor ruinösen Stellwerken, vor merkwürdigen Mauern oder vor den Wänden eines Autoteilemarktes. Geplante Parks ringsum sind Zukunftsmusik. Warum also noch Geld für die Sanierung verpulvern? Die aufgeschmierten Parolen wie „Keine Rinderzucht auf Regenwaldböden“ oder „Ich liebe dich“ sind noch das Beste an den maroden Bauwerken. Ohne das Sammelsurium düsterer Pfeiler mit erhöhter Unfallgefahr wäre die Yorckstraße heller, sicherer, erst recht für Fußgänger. Sollte sich noch jemand finden, der die Brücken einst unter Denkmalschutz gestellt hat, ist ihm ein Spaziergang am Ort zu empfehlen. Der dauert in beiden Richtungen gut zwanzig Minuten. Der nostalgische Brückenfreund wird seine Meinung ändern und der Bahn oder der Stadt für den Abriss dankbar sein.

Unter den Yorckbrücken liegt ein Anti-Ort. Es ist so laut, dass man die eigenen Gedanken nicht versteht. Es stinkt nach Auto. Wer die Brücken in der Nacht passiert, fühlt sich wie in einem Krimi – als potenzielles Opfer. Und doch wäre es schade um die Stahl-Konstruktionen. Man muss kein Eisenbahn-Freak sein, um angesichts der rostigen Brücken und der höllenschlundartigen Autopassage ein schönes Berlin-Gefühl zu spüren. Unter den Yorckbrücken ist die Großstadt – aber in der Variante, die nicht glitzert: Verkehrsumschlagplatz für Leute, die ohne Auto auskommen müssen; Tankstelle für Leute, die ihre Biere in einer Kneipe namens „Umsteiger“ ziehen (sie soll seit 1905 dort stehen) oder, seltsamer noch, im Hongkong-Center-Imbiss ihr Dinner zu sich nehmen. Auch das ist Großstadt, und viele, die nach Berlin gekommen sind, mögen die Stadt, weil sie jeden sein lässt, wie er will. Die Brücken selbst erzählen auch nicht allein Eisenbahn-Geschichte und von einer Bau-Kultur, in der sich Ingenieure noch als Künstler verstehen konnten. Die Brücken erzählen von Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts: Wer genau hinsieht, erkennt an ihnen Spuren der kriegerischen Schießereien, Wunden im Stahl. Auf einigen wachsen meterhoch Birken – Beweise der West-Berliner Selbstvergessenheit der Nachkriegszeit. Dagegen stelle man sich diese Gegend als Neubaugebiet vor: alles glatt und glänzend? Alles so schön Friedrichstraße? Bloß nicht! Werner van Bebber

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