Berlin : Sollen Jugendliche schon mit 17 Jahren den Führerschein machen dürfen?

Sigrid Kneist

Selten hat man das Gefühl, dass verkehrspolitisch sinnvolle Entscheidungen getroffen werden. Jetzt ist ein solcher Fall mal eingetreten. Dass junge Menschen künftig in Berlin bereits mit 17 Jahren ihren Führerschein machen dürfen und dann ein Jahr lang nur in Begleitung eines älteren Autofahrers unterwegs sein werden, wird die Straßen der Stadt ein wenig sicherer machen. Denn bisher sind 18-Jährige, sobald sie ihren Führerschein haben, im Auto ganz allein auf sich gestellt. Gerade junge Fahrer sind am Anfang oft unsicher, können manche Situationen nicht richtig einschätzen und sind deswegen besonders unfallgefährdet. Manchmal sind sie sich ihres noch nicht ausgereiften Fahrvermögens nicht einmal bewusst und überschätzen ihr Können grandios. Das birgt besonders große Gefahren; die häufigen Disco-Unfälle am Wochenende sind dafür ein trauriger Beleg. Mit einem erfahrenen Beifahrer an der Seite kann man aber viele Anfängerfehler vermeiden. Zudem wirkt auf manche junge Fahrer schon die bloße Präsenz eines Älteren im Auto disziplinierend.

Auf dem platten Land wird das funktionieren. Dorfpolizist Krause sieht den jungen Mann am Steuer und weiß: Das ist Uwe, und Uwe ist erst 17. Und Krause stoppt Uwe, weil der alleine im Auto sitzt. Und weil Uwe weiß, dass Krause aufpasst, steigt er gar nicht erst mit seinem neuen Führerschein alleine ins Auto. In Berlin aber funktioniert so was nicht. Die Kontrolldichte der Polizei nähert sich immer weiter dem absoluten Nullpunkt an. Das Bußgeld für Bagatellen wie Zweite-Reihe-Parken hält keinen – wirklich keinen – Fahrer mehr ab. Selbst gravierendes und lebensgefährliches Fehlverhalten wie das vorsätzliche Ignorieren von roten Ampeln nimmt immer mehr zu. Wieso? Weil keine Sanktionen zu befürchten sind, weil es keinen Krause gibt. Die Berliner Polizei ist so überlastet, dass für flächendeckende Verkehrsüberwachung kein Personal da ist. Und das Entdeckungsrisiko für einen 17-Jährigen ist so gering, dass es geradezu eine Einladung zur Missachtung der Regel ist. Wir brauchen nicht eine weitere Liberalisierung, sondern schärfere Sanktionen gegen Sünder. Jörn Hasselmann

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