Berlin : Sollen Kennzeichen für Radfahrer zur Pflicht werden?

Elisabeth Binder

Vielen Radfahrern ist es auf der Straße zu unsicher. Deshalb weichen sie auf Gehwege aus. Da sind sie unangreifbar, und das merkt man ihnen an. Immer häufiger fühlen sich Fußgänger von rücksichtslosen Raser-Radlern genötigt und in die Enge getrieben. Immer mehr werden auch verletzt. Von hinten rasen sie lautlos heran, häufig noch mit Knopf im Ohr, abgelenkt vom Handy oder vom MP3-Player. Nachts ohne Licht zu fahren, gehört in Radlerkreisen fast zum guten Ton. Kaum jemand kümmert sich darum, in welchem Zustand sich Gefährt und Fahrer befinden. Kontrollen sind selten, bislang gibt es kaum etwas Wirksames, was rücksichtslose Radler zu mehr Disziplin verleiten könnte. Man kann sie nicht so leicht identifizieren, und in Anonymität brauchen sie keinerlei Sanktionen für ihr gefährliches Rowdytum zu befürchten. Das muss sich ändern, wenn die Gehwege einigermaßen sicher bleiben sollen. Gerade in langen Frühlingsnächten sind auch immer mehr betrunkene Radler unterwegs. Solange sie die Stärkeren sind, solange ihnen wehrlose Fußgänger hilflos ausgeliefert sind, muss es eine Möglichkeit geben, sie dingfest zu machen. Das geht nur durch Kennzeichen. Leider ein zusätzlicher bürokratischer Akt, aber ein notwendiger. Nicht nur Radfahrer verdienen Schutz vor den Stärkeren. Auch Fußgänger brauchen Räume, in denen sie sich einigermaßen angstfrei bewegen können.

Ich habe einmal mit dem Rad einen Fußgänger umgefahren. Ich fuhr auf dem Radweg, und da ist der Mann ohne zu gucken rübergelaufen. Er fiel um, ich entschuldigte mich, das war es.

Zusammenstöße zwischen Fußgängern und Radfahrern sind kein so großes Problem, dass man die gesamte Radfahrerschaft der Stadt mit einer neuen aufmerksamkeits- und geldfressenden Verwaltungsidee überziehen müsste. Die weitaus meisten Radfahrer gefährden nämlich auf ihren Touren durch die Stadt keineswegs harmlose Fußgänger, sondern sind ihrerseits in permanenter Gefahr, weil sie sich entweder auf zweispurigen Straßen zwischen Bussen und Lastwagen hindurchschlängeln müssen oder auf Radwegen, die auf dem Fußweg verlaufen, befürchten müssen, jemand könnte ihnen – wie mir damals – vors Rad laufen. Berlin braucht also keine Kennzeichnungspflicht für Radfahrer, Berlin braucht vernünftige Radwege. Abgetrennte Streifen auf dem Asphalt, nicht Teile des Fußwegs. Aber aus irgendwelchen Gründen wird über Radwege in Berlin viel gesprochen – schon vor 25 Jahren schrieb der Tagesspiegel über entsprechende Vorhaben des Senats –, doch dann passiert nur wenig. Wenn man die Radfahrer zu potenziellen Bösewichtern erklärt, die gekennzeichnet werden müssen, um erkennbar zu sein, macht man wieder mal viel Theater um ein Symptom, statt sich der Ursache des Problems zu widmen. Ariane Bemmer

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