Berlin : Sollen Kinder wieder am Sonnabend zur Schule gehen?

Sigrid Kneist

Sieht so sinnvolle Schulpolitik aus? Fünftklässler hocken von acht Uhr morgens bis kurz nach drei in der Schule. Ohne richtige Pause, ohne vernünftiges Mittagessen. Und zu Hause müssen sie dann noch Hausarbeiten machen. Was sollen Kinder, bitte schön, unter solchen Bedingungen in der achten Stunde eigentlich noch aufnehmen können? Dass das nicht mehr viel sein kann, dürfte eigentlich auch Nicht-Pädagogen klar sein. Aber der Alltag vieler Berliner Schüler sieht genau so aus. Denn die Schulzeit bis zum Abitur ist auf zwölf Jahre verkürzt worden; und der Unterricht des einen Jahres wird auf die verbleibenden Jahre verteilt. Damit haben die Schüler Unterrichtszeiten wie bei der Ganztagesschule, allerdings zu Bedingungen der Halbtagsschule. Solange es keine Ganztagsbetreuung in den Oberschulen gibt, bleibt nur ein einziger Ausweg, um die Stunden zu entzerren. Das ist die Rückkehr zum Unterricht am Sonnabend, auch wenn das den Familien schwer fällt. Denn selbstverständlich ist der freie Sonnabend für die Kinder eine Errungenschaft. Aber so wie bisher kann man nicht weitermachen, der Verzicht auf die Freizeit ist das kleinere Übel. Es überfordert die Kinder zu sehr, während der Woche bis zur Erschöpfung arbeiten und lernen zu müssen, da ist dann nämlich auch der Sonnabend kein Ausgleich .

Nicht nur ein Grund spricht dagegen, den Sonnabend zum Schultag zu machen. Erstens: Die Idee ist ohne Logik. Berlins Schüler sollen schneller werden und mehr lernen. Weil es aber schwerer ist, die Unterrichtsqualität zu verbessern als die Unterrichtsquantität zu vergrößern, sollen die Schüler länger in die Schule? Kokolores. Zweitens fällt schon jetzt in Berlin zu viel Unterricht aus. Das ist offenbar ein Grund für das schlechte Abschneiden der Berliner Schüler bei der Pisa-Studie. Unterricht am Sonnabend wird das Problem nicht lösen, eher vergrößern. Drittens gibt es ein Lehrerproblem, das mit Überalterung und Ermüdung zu tun hat. Das soll ausgerechnet am Sonnabend nicht durchschlagen? Viertens sind viele Kinder schon jetzt strapaziert, das sagen viele Eltern. Da sollen sie mehr lernen, wenn die Strapazen auf sechs Wochentage ausgedehnt werden? Fünftens – vielleicht der stärkste Grund: An fünf Tagen in der Woche bewegen sich die Kinder in der Schule, sind mit ihresgleichen, mit ihrer Peer Group, ihren Freunden zusammen. Es ist nicht schlecht, wenn sie an zwei Tagen der Woche sehen, dass die Welt noch aus etwas anderem besteht: aus der Familie. Schon Kindergartenkinder brauchen den Sonnabend, um etwas ruhiger zu werden. Sechs Schultage sind zu viel Systemzwang. Werner van Bebber

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