Berlin : Sollen Kindergärten künftig gebührenfrei sein?

Bernd Matthies

PRO

Alle bildungspolitischen Debatten der letzten Jahre hatten zumindest ein konkretes Ergebnis: Die entscheidenden Weichen werden im Kindergarten gestellt, und die Qualität der dort geleisteten Erziehung ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Diese Erkenntnis verträgt sich nicht mit dem Status der deutschen Kita als freiwilliges Betreuungsangebot für alle, die es unbedingt brauchen – und es sich auch leisten können. Doch die Beiträge halten viele Kinder fern, Kinder aus ganz unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen. 1. Gutverdiener, die für zwei Kinder oft mehr als tausend Euro hinlegen müssen. Konsequenz: Die Mutter bleibt lieber zu Hause. 2. Arbeitslose, deren Kinder von der Kita fraglos profitieren würden. Doch weil ohne Arbeit auch die Notwendigkeit der Kinderbetreuung entfällt, wird das Geld gespart. 3. Große ausländische Familien, deren Kinder in der Kita vor allem Deutsch lernen müssten, um später in der Schule mitzukommen. Doch auch diese Kinder müssen nicht in die Kita, weil immer jemand zur Betreuung zu Hause ist. Weshalb Beitrag zahlen?

Dies zusammengenommen führt nicht nur zu einer unerwünschten sozialen Entmischung, sondern hält Kinder fern, die das Angebot am dringendsten brauchten. Kitas sind so wichtig wie Schule, deshalb müssen sie ebenso gratis angeboten werden. Das einzige vernünftige und schwer widerlegbare Kontra lautet: nicht zu finanzieren. Aber wir bezahlen auch Gratis-Universitäten. Und das mit schlechterer Begründung.

CONTRA

Deutschland ist doch – wir erinnern uns – so arm, dass 2007 die Mehrwertsteuer auf 19 Prozent angehoben werden muss. Eine Teuerung, die alle bezahlen, auch die Ärmsten. Und jetzt wollen wir uns den Luxus leisten, dass Berliner Kitas gebührenfrei sind – auch für die Reichsten?

Nein, die Staffelung von Kita-Beiträgen ist sinnvoll. Wer mehr leisten kann, soll das tun. Nur für diejenigen, die ohnehin von Sozialleistungen leben, soll die Kita gratis sein. Damit erreicht man umstandslos alle Kinder, deren Sprachkompetenz und Sozialverhalten verbessert werden sollen: Kinder aus bildungsfernen Familien oder Kinder von sozial schwachen Ausländern, die man per Kita integrieren will. Was auch sinnvoll ist, obschon man die Kitas nicht überschätzten sollte.

In Kitas wird gebastelt und gesungen, und von den Migrantenkindern, die dort waren, sprechen bei Schulbeginn immer noch 25 Prozent kaum Deutsch. Bis Kitas die Bildungseinrichtungen sind, als die sie derzeit gern gepriesen werden, vergehen noch Jahre. Das braucht ganz anders ausgebildetes Erziehungspersonal. Und außerdem: Eine staatlich finanzierte Gratis-Kita wird nicht mal im Interesse aller Beschenkten sein. Denn das Kostenlose erschwert auch das Formulieren von Ansprüchen. Motto: Das ist hier schon alles umsonst, und jetzt kommen Sie hier noch mit Extrawünschen! Da wird mancher lieber zahlen und mitreden dürfen. Ariane Bemmer

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