Berlin : Sollen schon Zwölfjährige strafmündig sein?

Werner van Bebber

Besserung – darum geht es, wenn Jugendliche mit der Justiz zu tun bekommen. Aus der Begegnung mit dem Richter soll sich die Chance zur Einsicht ergeben. Das war und ist wichtiger als Strafe, auch wenn es Jugendliche gibt, die – wenn überhaupt – erst im Knast ansprechbar sind. Bis es dazu gekommen ist, haben Jugendamtsmitarbeiter, Polizisten, Staatsanwälte mit den Jugendlichen zu tun gehabt, die keine Vorstellung von Recht, von Gerechtigkeit oder auch nur von Anstand entwickelt haben.

Viele von ihnen haben nicht mit 14 beschlossen, kriminell zu werden, sondern sich ein paar Jahre im geschützten Bereich der Strafunmündigkeit ausgetobt. Vielleicht stimmt es, dass Kinder und Jugendliche heute früher erwachsen werden, vielleicht stimmt das auch nicht. Die Entwicklung der Kriminalität zeigt jedenfalls, dass es viele gibt, die mit zwölf oder 13 genau wissen, was ihnen nicht passieren kann, wenn sie Ärger mit der Polizei haben.

Für solche Jugendlichen würde der Schutzraum, in dem sie sich unverwundbar fühlen und andere straflos verletzen können, kleiner, wenn sie schon mit zwölf Jahren die erste ernste Begegnung mit einem Richter zu erwarten hätten. Das heißt nicht, dass man ihnen früher mit der ganzen Härte des Gesetzes kommt. Es heißt nur, dass die Gesellschaft früher als heute versucht, ihnen eine Grenze zu setzen.

Fordern kann man viel, na klar. Warum nicht Neunjährige für strafmündig erklären? In der Intensivtäterkartei führen sie welche, die schon als Drittklässler wiederholt randaliert, geraubt und zugeschlagen haben. Sogar schon als Sechsjährige. Vielleicht könnte man die einfach wegsperren? Aber was würde das bringen? In dem Film „Capote“ kommt der Mörder zu der Einsicht: „Wenn ich zu so etwas fähig bin, dann stimmt mit mir etwas nicht.“ Alles Überwachen und Strafen hilft nichts, wenn nicht diese Erkenntnis da ist. Der Weg dahin führt über den Verstand, über den Kopf. Kinder und Jugendliche mögen heute in ihrer Entwicklung in vielem früher dran sein als vor zwanzig Jahren, auch im Zuschlagen. Aber leider nicht, was die geistige Reife angeht. Zwölfjährige heute sind mental nicht weiter als früher. Deshalb hilft es nichts, sie für strafmündig zu erklären. Zumal das gleiche Prinzip schon bei Vierzehnjährigen nicht wirkt, wie man an den 15- und 16-jährigen Intensivtätern sieht. Der Ruf nach schnelleren, härteren und zeitigeren Maßnahmen ist genauso einfach wie hilflos. Wir werden wohl kaum um den schwierigen Weg herumkommen: Kinder schon im Kindergarten, in der Schule, im Hort individuell zu fördern und mit vielen Pädagogen, klaren Worten und Zuwendung vom falschen Weg abzubringen. Das ist anstrengend und wenig populär. Aber haben wir das schon mal ernsthaft versucht? Claudia Keller

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