Berlin : Sollen Schwimmhallen für die Öffentlichkeit gesperrt werden ?

Claudia Keller

Das wirtschaftliche Argument des Bäderchefs hat eine bestechende Logik. Hallenbäder sind wegen der hohen Energiekosten nun mal ein Verlustgeschäft, das sich nur mit öffentlichen Zuschüssen schönrechnen lässt. Fitnesscenter mit ihren Schwimmbecken werben außerdem erfolgreich Stammkunden der Bäderbetriebe ab. Da die meisten Bäder keine romantischen Jugendstilhallen sind, sondern hellblau geflieste Kästen aus den 70er Jahren möchte sich auch kein privater Investor damit schmücken.

Aber mal ehrlich, Berlin hat viele Hallenbäder, auch noch, wenn zwölf geschlossen werden. Dann liegt man vielleicht nicht mehr ganz auf dem Niveau westdeutscher Städte. Die Wege zum Schwimmbecken würden länger. Das ist natürlich nicht mehr ganz so komfortabel. Weil wir alle bequem sind, fährt niemand gerne drei Stationen mit der U-Bahn, wo man bisher laufen konnte. Auch das Auto in den nächsten Bezirk zu lenken – welcher Aufwand, wenn man bisher mal eben das Rad nehmen konnte. Auch viele Schulkinder würden es zum Schwimmunterricht dann wohl weiter haben. Aber steht im Schulgesetz, dass der Weg vom Klassenzimmer zum Beckenrand maximal 20 Minuten betragen darf? Müssen die Lehrer eben anders planen. Dass das die Sache komplizierter macht, geschenkt. Aber dass dann gleich der Unterricht ausfallen muss, leuchtet nicht ein. Sicher wäre es schöner, wenn alles beim Alten bliebe, ein Grund zum Jammern sind die neuen Ideen aber nicht.

Auf einen hehren Grundsatz hat sich die Politik vor Urzeiten geeinigt: Jedes Berliner Kind soll schwimmen lernen. Weil es Sicherheit gibt und ein gutes Körpergefühl, weil es den Sommer verschönert und dem Rücken nützt, weil es gleichzeitig Spiel und Sport ist. Grundschulen müssen deshalb in die Stundenpläne der Drittklässler die oftmals umständlichen, weiten Wege zu den Bädern einbauen. Je weniger Bäder es aber gibt, desto schwieriger wird das. Mit nur einem Schul-Schwimmbad pro Bezirk ist es kaum zu schaffen. Wer diese Sparvariante durchziehen will, muss ehrlich genug sein, auch die Konsequenz zu benennen, und die lautet, dass das Schulschwimmen nicht mehr von der Politik vorgeschrieben werden kann. Es sei denn, das Land bezahlt das Geld für die zusätzlichen Fahrtkosten der Kinder und für 1-Euro-Kräfte, die mit den Kindern die weiteren Wege zurücklegen, während der Lehrer noch eine Unterrichtsstunde abhält und mit dem Auto hinterherkommt. Und dann gibt es auch noch all die anderen, die gern schwimmen gehen und – vor allem, wenn sie älter sind – vor längeren Wegen zurückschrecken. Auch für sie wäre es besser, wenn jedes Bad für alle offen bliebe: morgens für Schulen und die Öffentlichkeit, nachmittags für Vereine. Wie die Bäderbetriebe auch entscheiden: Sie müssen alle Bevölkerungsgruppen im Auge behalten. Auch die muslimischen Mädchen, die ohne das Schulschwimmen vielleicht nie ins Wasser kämen. Susanne Vieth-Entus

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