Berlin : Sollten Eltern strenger sein?

Viele Väter und Mütter beschäftigt die Frage, ob Kinder mehr Grenzen und Strafen brauchen – oder nur liebevolle Beharrlichkeit. Ein Pro und Contra.

von und Eva Koch-Klenske
Strafe oder nicht?
Strafe oder nicht?Foto: Getty Images/iStockphoto

Pro: Eltern sollten keine Angst haben, Nein zu sagen und ihr Kind zu bestrafen

In Restaurants oder Cafés sehe ich oft Kinder, die herumschreien oder Fangen spielen und mir und anderen Gästen zu laut und lästig sind. Gelegentlich spreche ich sie deshalb an. Die Kinder benehmen sich dann meist besser. Von den Eltern ernte ich aber oft böse Blicke. Meist haben sie sich bis dahin nicht um ihre Kinder geschert. Nicht selten Fragen sie mich: „Sie mögen wohl keine Kinder!?“ Dabei mag ich nur keine unerzogenen Kinder. Ich selber nahm meinen Sohn oft mit ins Restaurant, auch als er noch klein war. Aber vorher hatte ich ihm die Regeln des öffentlichen Raumes erklärt und was der Sinn eines Restaurants ist.

Eltern von heute sind leider allzu oft der Meinung, man dürfe Kindern nur wenig abverlangen und müsse ihnen grundsätzlich eigene Entscheidungen überlassen, weil dies ihr Selbstwertgefühl stärke. Sie bemühen sich schon bei Zwei- bis Dreijährigen, auch die kleinste Anforderung an das Kind detailliert zu erläutern und nachvollziehbar zu machen, weil sie das für kindgerecht und demokratisch halten. Sie strafen nicht gern, weil sie Angst haben, dass Strafen dem Kind schaden und andere Erwachsene sie als autoritär bezichtigen könnten, was wiederum ihr eigenes Selbstwertgefühl labiler macht. Sie unterdrücken im Kontakt mit dem Kind ihre strengeren Erziehungsimpulse, weil sie eingeredet bekamen, diese würden, sobald sie gezeigt werden, ein Kind beschädigen oder gar traumatisieren. Und trotzdem haben gerade diese gewährenden Eltern, wenn man genauer nachfragt, wie es mein Beruf als Beraterin und Supervisorin mit sich bringt, regelmäßig Schuldgefühle gegenüber ihren Kindern.

Für die Neigung vieler Eltern heute, ihren Kindern nahezu alles durchgehen zu lassen, und für ihre Schuldgefühle gibt es mehrere Gründe: eine mangelnde Loslösung und Dankbarkeit gegenüber den eigenen Eltern. Eine festgehaltene, innere Verstrickung mit den eigenen Eltern, wenn sie bereits erwachsen sind, zeigt sich gewöhnlich, indem sie das Erziehungsverhalten ihrer eigenen Eltern gründlich kritisieren. Sie erinnern sich ihrer Kindheit, finden dies und das, was ihnen nicht passte, und sind der Meinung, dass sie viel besser beurteilen könnten, was damals hätte geschehen müssen: „Meine Eltern waren zu streng mit mir (statt mich pausenlos zu verwöhnen), mein Vater zu bös’, meine Mutter zu wenig interessiert ...“ Ich meine hier nicht die Fälle schwerer Beschädigung von Kindern durch Bedrohung, Gewalt, Missbrauch. Ich spreche von den leidlich ausgewogenen Kindheitsjahren, in denen manches gut und anderes schlecht lief.

In meiner Praxis erlebe ich immer wieder, dass allzu viele Menschen ohne schwere Beschädigungen im Erwachsenenalter den eigenen Eltern heftige Kritik oder gar Vorwurf hinterhertragen – ein Verhalten, das für alle Beteiligten ziemlich schädlich ist. Es beschädigt die eigenen Eltern, weil sie keinen Respekt und keine Dankbarkeit für ihre jahrzehntelangen Anstrengungen und ihre Liebe erhalten, es beschädigt die Eltern von heute selber, weil sie in der Grundhaltung des Vorwurfs und der Forderung bleiben und ihre eigenen Wurzeln quasi vergiften. Und es beschädigt am Ende gar die Erziehung meiner eigenen Kinder, weil ich versuche, alles anders zu machen, was mir an meinen Eltern nicht gefiel. Ich erziehe also gewissermaßen ex negativo, aus der Negierung meiner eigenen Eltern heraus: „Ich mache es nicht so wie ihr! Ich bin lieb zu meinem Kind!“

Da man diese Art Liebsein im Alltag aber nicht durchhalten kann, ahnen wir schon, wie rasch Schuldgefühle entstehen. Kaum bin ich einmal unduldsam mit meinem Kind, breche ich innerlich zusammen und meine, mich ausführlichst entschuldigen zu müssen. Schuldgefühle gegenüber den eigenen Kindern erleiden übrigens weit mehr Frauen als Männer, da auf ihnen nach wie vor der gesamte gesellschaftliche Erwartungsdruck idealisierter Mutterliebe und entsprechender Selbstüberforderung lastet. Viele Eltern verleugnen ihre eigenen inneren Impulse, wo sie Grenzen setzen möchten. Sie wagen es nicht, sich ihren Kindern gegenüber klar und führend zu verhalten, also auch ein klares „Nein“ zu formulieren und es bei Bedarf durchzusetzen. Als autoritär gilt heutzutage oft schon, wenn Eltern ihren Kindern etwas verbieten oder anordnen.

Was steckt noch hinter der Furcht vieler Eltern, Nein zu sagen oder sogar einmal ihr Kind zu bestrafen, weil es seinen eigenen Radius gar zu arg ausgetestet hat? Sie haben Angst, die Liebe ihrer Kinder zu verlieren. Die Verleugnung von Strenge oder Verstimmung im Kontakt mit dem Kind führt aber in der Regel dazu, dass sie ihre Erziehung oft mit extremer Feindseligkeit gegenüber Außenstehenden verteidigen. Es scheint dabei oft weniger um das vielfach beschworene Selbstwertgefühl der Kinder zu gehen als vielmehr um die Selbstzweifel der Eltern.

Kinder wiederum wissen sehr genau, dass es ein Ja und ein Nein auf der Welt gibt, und sie suchen nach dem Nein, wenn es fehlt, weil sie erst in einem Nein der Eltern deren Kraft spüren und ihr vertrauen können. Führung, so ließe sich sagen, beginnt beim Nein. Konsequenterweise werden also Kinder, die tyrannisches Verhalten zeigen und keine Begrenzung erleben, anschließend noch tyrannischer, weil sie danach suchen, wo denn nun der Grenzpunkt ist.

Klar erziehen meint nicht, Kinder autoritär niederzuschreien oder zu ängstigen. Ich kann meinem Kind durchaus nach und nach den Raum geben, sein eigenes kleines Ich zu entwickeln, Interessen zu benennen und Verhandeln zu lernen, und schließlich Nein-Sagen zu üben. Aber zuerst sollte es lernen, uns Großen zu folgen, also Ja-Sagen lernen.

Kinder, denen elterliche Grenzziehung fehlt, erleben sich quasi als ein gleichrangiger Partner von Mutter und Vater. Das Kind lernt also weder Frustrationstoleranz noch Selbstrelativierung. Es verfängt sich in grandioser Selbstüberschätzung und bleibt verständlicherweise in einer grenzenlosen Forderungshaltung. Das hat Konsequenzen im Alltag außerhalb der Familie: Wie mag sich ein Kind wohl fühlen, das wegen seines ungezogenen und tyrannischen Benehmens immer wieder ablehnende Reaktionen bei anderen hervorruft? Wie fühlt es sich wohl an, ein „böses“, ein „lästiges“, ein „unangenehmes Kind“ zu sein, das von vielen nicht gemocht wird?

Einen guten Selbstwert erlangt nur, wer sich wertvoll verhält. Hat ein Kind sich allzu weit von diesem Leitsatz entfernt, ist es quasi zu einem „bösen“ Kind geworden, kann es im Grunde nur noch an sich selbst verzweifeln. Eltern, die ihren eigenen Ärger nicht verleugnen, sondern im offenen Kontakt mit ihrer eigenen vielfältigen Gefühlswelt stehen, entscheiden sich eher dafür, ihren Kindern mit Freundlichkeit und Strenge zu begegnen. Sie muten ihnen also Licht und Schatten des Kinderlebens zu – und verlangen ihnen draußen auch gutes Verhalten ab.

Spätestens in der Pubertät wird die Brut dann ohnehin mit den Eltern heftig diskutieren, welche dieser Regeln noch zeitgemäß sind – und alles besser wissen.

Die Autorin, Eva Koch-Klenske, 67, ist promovierte Soziologin und Mutter eines erwachsenen Sohnes. Sie hat eine Praxis für Coaching, Supervision, Lebens- und Krisenberatung in Berlin

Contra: Wie schön, wenn ein Elternteil den Impuls hat, lieb zu sein: Bitte nicht unterdrücken.

Ja, ich lasse meinen Sohn gern Entscheidungen treffen – und ja, ich erkläre ihm gern, warum er gerade zum für ihn gefühlt hundertsten Mal an diesem Tag etwas nicht darf, was er gern möchte. Ich versuche, möglichst selten Nein zu sagen (wenn ich etwas anderes will als er, sage ich oft: hmm, lass uns doch mal zusammen überlegen). Und Grenzen darf nicht nur ich setzen, sondern auch mein Sohn. Ein kleiner Tyrann ist er trotzdem nicht. Mein Kind hat und hatte im Vergleich zu Altersgenossen (er ist fast vier) sehr wenige Tobsuchtsanfälle (so wenige, dass mir das manchmal fast etwas unheimlich ist). Und wenn, dann kann man das fast immer klar Müdigkeit oder Hunger zuordnen. Wir gehen oft ins Restaurant, und da ist er noch nie anderen lästig gefallen. Ich habe dort von Gästen und Kellnern aber schon oft gehört: „Der ist aber gut erzogen.“ Aber nein, ich versuche nicht wirklich an ihm herumzuerziehen. Ich versuche eher, ihm vorzuleben, wie man so miteinander umgeht, dass wir uns beide wohlfühlen.

Ich bin der Meinung, dass Eltern das, was man so allgemein als „Strenge“ und „Erziehung“ bezeichnet, viel zu häufig einsetzen: „Jetzt benimm dich doch mal! Jetzt sei endlich ruhig! Wie oft habe ich dir gesagt, dass du das nicht sollst! Nie hörst du! Mach endlich, was ich sage! Wenn du jetzt nicht sofort mitkommst, gibt es nachher kein Fernsehen!“ Man kann doch nicht behaupten, dass solche Sätze nicht ständig in der Öffentlichkeit und in den Wohnungen vieler Familien fallen. Und viele Eltern haben kurz vorher noch auf ihr Smartphone gestarrt oder sich mit einem anderen Erwachsenen unterhalten – nur um sich dann plötzlich von null Interesse (das man als Außenstehender auch als antiautoritäres Verhalten interpretieren kann) auf Hundertachtzig-Rage zu pushen.

Genau so sieht es bei vielen Eltern aus, wenn sie (mal wieder) ihrem Impuls nachgeben, streng zu sein. Und das tun die meisten – aber meist erst, wenn es eigentlich zu spät ist, wenn die Situation bereits eskaliert ist. Natürlich möchte ich auch, dass mein Sohn sich im Restaurant gut benimmt. Dass er sich die Hände wäscht. Dass er bei Regen Gummistiefel und bei Hitze Sandalen anzieht und nicht umgekehrt. Aber das erreiche ich auf andere Weise. Im Restaurant muss man sich einfach mit dem Kind beschäftigen – und nicht mit dem Smartphone oder einem anderen Erwachsenen. Spiele, Malsachen und Kinderbücher helfen dabei, man weiß ja vorher, dass man essen geht. Das Problem ist oft, dass die Eltern, deren Kinder durchs Restaurant toben, sie erst zu lange an der langen Leine lassen, um sie dann mit einem schmerzhaften Ruck wieder zurückzuholen. Während gerade in Berlin sich viele Eltern mit ihren Babys noch große Mühe geben, „bedürfnisorientiert“ mit ihnen umzugehen – sie also viel zu tragen und nach Bedarf zu stillen –, hören viele langsam damit auf, wenn das Kind größer wird und die Bedürfnisse komplexer werden und schwieriger zu erkennen sind. Aber warum hören sie eigentlich damit auf?

Das Verhalten von Kindern ändert sich von Tag zu Tag. Was an einem Tag noch einen Tobsuchtsanfall auslöst, ist am nächsten Tag nur ein müdes Lächeln wert. Dafür gibt es neue Gefühlsbaustellen. Eltern müssen sich ständig neu darauf einstellen. Meiner Meinung nach ist Reflexion auch deshalb das Wichtigste am Elternsein. Es ist sehr wichtig, sich vorab damit zu beschäftigen, wie man sich in welcher Situation verhält: Was will ich wirklich durchsetzen? Was ist mir wirklich wichtig? Und wo kann ich doch dem Kind nachgeben. Dort, wo ich meinen Plan wirklich durchsetzen will, erreiche ich das viel eher mit freundlicher Beharrlichkeit als mit Strenge. Und wenn das Kind zu laut wird, hilft es tatsächlich fast immer, zu flüstern. Natürlich darf man (und soll es auch!) ärgerlich sein, wenn das Kind etwas getan hat, das beim Elternteil dieses Gefühl hervorruft. Aber eben nicht so wütend, dass man dabei das Kind beleidigt oder abstempelt.

Mein Anliegen ist es nicht, an Eltern (oder speziell an Müttern) herumzukritisieren. Sondern sie dazu zu bringen, nachzudenken. Sich damit zu beschäftigen, wie man mit Kindern redet. Bücher von Erziehungsexperten wie Jesper Juul und Herbert Renz-Polster oder reflektierende Elternblogs zu lesen und zu überlegen, was davon auf die eigene Wirklichkeit übertragbar ist. Ich versuche jetzt zum Beispiel, möglichst nur noch Ich-Botschaften zu formulieren, wenn mir etwas nicht gefällt und die aggressiveren Du-hast-das-und-das-gemacht-und- bist-so-und-so-Anklagen wegzulassen. Und immer sowohl meine Gefühle als auch die meines Kindes zu benennen.

Nicht selten hört man von Eltern, es sei doch zu viel verlangt, ständig etwas darüber zu lesen. Man habe für so etwas doch wirklich zu viel zu tun. Wie man mit seinen Kindern umgehen müsse, sagen einem doch die Intuition und der gesunde Menschenverstand. Nein, das klappt nicht unbedingt. Denn viele der heutigen Elterngeneration haben in den eigenen Eltern kein gutes Vorbild. Deshalb ist es auch wichtig, sich mit der eigenen Vergangenheit als Kind auseinanderzusetzen.

Auch eine nach außen hin behütet erscheinende Kindheit kann sich im Inneren nicht so anfühlen. Nicht nur Gewalt und Missbrauch schädigen ein Kind, auch ein ständiges Kleinmachen, ein Nicht-Vertrauen, ein Nicht-Zutrauen, ein Missbilligen und Abstempeln mit negativen Zuschreibungen wie „du bist frech“, „du bist unordentlich“, „du bist undankbar“, „du bist ein Rabauke“, „du bist zickig“. Ebenso ein ständiges Gefühl der Ohnmacht, weil man keine eigene Entscheidungen treffen darf. Und viele Kinder erfahren nicht etwa in der Öffentlichkeit, dass sie „böse“ oder „lästig“ sind – sondern von denen, die sie am meisten lieben.

All das hinterlässt viele kleine Narben, die das Leben auch noch als Erwachsener beeinflussen. Und viele aus der Elterngeneration sind derart „behütet“ aufgewachsen. Manche geben dieses Modell eins zu eins weiter, andere reflektieren lieber, wollen es anders und besser machen und erklären deshalb ihren Kinder lieber viel und lassen sie auch so oft wie möglich Entscheidungen treffen – und sind lieb zu ihnen.

Ja, ich möchte lieb zu meinem Kind sein. Lieb und führend schließen sich aber nicht aus – solange Führung nicht mit Machtausübung gleichgesetzt wird, was viele tun, sondern subtiler geschieht. „Streng“ und „lieb“ schließen sich aber aus. Wie schön, wenn ein Elternteil den Impuls hat, lieb zu sein: Bitte nicht unterdrücken. Denn man kann seinem Kind auch lieb sagen, dass man jetzt keine Süßigkeiten kauft (und dann freundlich und gelassen die Unmutsreaktion aushalten – das ist nicht einfach, funktioniert aber ganz gut, wenn man die Situation vorher in Gedanken durchgespielt hat). Strafen hingegen – so glaube ich – bringen gar nichts: Strafen zeigen dem Kind nur, dass es ohnmächtig ist.

Ich bin nicht so, weil ich Angst habe, die Liebe meines Kindes zu verlieren. Ich habe viel mehr Sorge, die zarte Psyche meines Kindes zu verletzen. Mit gänzlich unvernarbter Seele schickt wohl niemand sein Kind mit 18 in die Welt hinaus. Aber je mehr wir Eltern uns mit dem Thema auseinandersetzen, desto weniger Narben werden bleiben.

Die Autorin, Daniela Martens, 40, ist Journalistin, Mutter eines vierjährigen Sohnes und sie betreut die Familienseite

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