Berlin : Solo beim Maskenball

Wie es einen Opernsänger aus Transilvanien nach Berlin verschlug – und was er hier findet.

Kristina Wollseifen
Noch kein Verdi. Die ganz großen Rollen an der Oper traut sich Gyula Orendt erst in ein paar Jahren zu. Foto: Vincent Schlenner
Noch kein Verdi. Die ganz großen Rollen an der Oper traut sich Gyula Orendt erst in ein paar Jahren zu. Foto: Vincent Schlenner

Auf einer großen Opernbühne, im Scheinwerferlicht vor hunderten Menschen – Gyula Orendt ist sich einer Sache ziemlich sicher: Ohne seine Oma würde er hier und heute nicht sein. Auf der Bühne der Staatsoper wird der 28-Jährige heute Abend stehen, um die Rolle des Silvano in Verdis Oper „Un ballo in maschera“, dem Maskenball, zu spielen. „Das ist eine eher kleinere, aber sehr schöne Rolle“, sagt er. „Alle Solisten sind gut. Da wäre es toll, wenn die Zuschauer auch auf mich aufmerksam würden.“

Seine Oma war es, die schon vor 20 Jahren begann, sein Talent zu fördern. Im Alter von sieben Jahren schickte sie ihn an eine Musikschule in der Nähe von Brasov, auch Kronstadt genannt. Die Kleinstadt liegt in Siebenbürgen, das auch als Transsilvanien bekannt ist. Ungarn verlor das Gebiet nach dem Ersten Weltkrieg an Rumänien. Das ist auch der Grund, weshalb Gyula Orendt immer als ungarisch-rumänischer Bariton bezeichnet wird. Denn er ist zwar auf dem Papier Rumäne, aber er hat sich stets als Ungar gefühlt. Seine Familie lebte es ihm vor, seine Muttersprache ist Ungarisch.

Trotzdem wollte er nie in Transsilvanien bleiben. „Ich wollte immer raus in die Welt, um mehr Möglichkeiten zu haben“, sagt er. „Das, was ich jetzt hier in Berlin mache, hätte ich zu Hause nicht tun können.“ Für die Oper gebe es in Deutschland viel mehr Förderung als in Rumänien. Dort gebe es höchstens drei oder vier gute Opernhäuser.

Deshalb ging er auch an die Musikakademie „Franz Liszt“ in Budapest. Nach einem Aufenthalt an der Volksoper in Wien, bewarb er sich für das Berliner Opernstudio. Es bietet jungen professionellen Sängern eine Möglichkeit, sich auf eine Karriere im Musiktheater vorzubereiten. „Es braucht immer Zeit, um sich zu zeigen“, sagt der 28-Jährige. Er weiß, was er kann, ist selbstsicher und ehrgeizig. Er hat schon in vielen Produktionen mitgewirkt, etwa als Papageno in „Die Zauberflöte“. In der nächsten Spielzeit wird er ein wichtiges Rollendebüt als Figaro im „Il Barbiere de Siviglia“, seiner Lieblingsoper, geben. Er hat immer Respekt vor den Produktionen. „Ich bin froh, dass ich beim Maskenball eine kleinere Rolle habe, denn für Verdi braucht man einfach eine gewaltige Stimme.“ Für so etwas fühlt er sich erst in ein paar Jahren bereit. Für zwei Jahre ist er jedenfalls fest an der Staatsoper engagiert.

Die Oper und die Menschen dort haben ihm geholfen, sich in Berlin einzuleben. „Egal wo ich hingehe – für mich hängt es immer von den Leuten ab, ob ich mich wohlfühle oder nicht.“ Trotzdem vermisst er seine Heimat, seine Familie und Freunde. Zweimal im Jahr besucht er sie. Dort hat er eine Geschichte. „Das fehlt mir noch in Berlin“, sagt er.

An Berlin mag er immerhin die Kühle der Stadt, das viele Grün und den Regen. Aus diesen Gründen lebt er in Charlottenburg. Wenn er mal nicht auf der Bühne steht, sieht er eine Bar oder ein Kino eher selten von innen. Obwohl ein Typ wie er – lässig in Jeans, Pullover und mit lockerem Seitenscheitel – dort gar nicht deplatziert wirken würde. Wenn er dann aber doch einmal feiern war, ist dem ein Auftritt der Kiez-Oper vorangegangen. Bei dem Projekt werden Opern in Clubs aufgeführt. Wenn Gyula Orendt davon erzählt, ist er immer noch begeistert vom aufmerksamen Publikum. „Die Menschen in Berlin sind alle total freundlich“, findet er. „Sie sind geduldig und tolerieren viel. Ich mag es, dass Berlin einfach so viele Gesichter hat.“ Deswegen will er auch auf jeden Fall hier wohnen bleiben, erst einmal. Kristina Wollseifen

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