Berlin : Sommer-Ausverkauf der Wälzer mit abgelaufenem Verfallsdatum

Annette Kögel

Nein, diese Druckerzeugnisse braucht jetzt außer Nostalgikern niemand mehr. "Richtige Groß & Kleinschreibung", "Deutsche Orthographie" und "Richtige Zeichensetzung" haben das Zeitliche gesegnet. Die Bücher, mit denen Generationen von Grundschulkindern und ausländischen Berlinern die deutsche Sprache gepaukt haben, gehörten zu den knapp 1000 Exemplaren, die die Amerika Gedenk Bibliothek (AGB) am gestrigen Sonnabend zu Flohmarktpreisen verkaufte. Alle vier bis sechs Wochen bietet die Bibliothek am Blücherplatz Second-Hand-Wälzer für Liebhaber, Bücherwürmer und Leute mit knappem Budget.

Zur erstgenannten Gruppe gehört Albert Hamacher. Der 41-jährige Kreuzberger nimmt zwei Unikate mit nach Hause. "Flute and Flute Playing" heißt ein englischsprachiges Werk von Theobald Boehm, "Das ist der, der das Klappensystem für Flöten erfunden hat", sagt Hamacher, selbst Waldhorn-Spieler. Das abgegriffene Büchlein mit Kaffeefleck aus dem Jahr 1964 hat der Musiker seiner Nichte zuliebe für zwei Mark erstanden.

Es sind "nicht mehr benötigte oder zerschlissene identische Mehrexemplare eines Buchtitels", die die Zentral- und Landesbibiothek aus ihren Beständen aussortiert und nebenher für einen kleinen Obolus verkauft. Dazu gehören auch "Ladenhüter", die schon seit einer kleinen Ewigkeit im Regal verstauben, oder auch "Fremdsprachenliteratur, mit der kein Volkshochschulkurs mehr arbeitet", wie Bibliothekarin Andrea Schmitt sagt. Wer günstige Cornelsens oder Kletts komplett erstehen möchte, muss am Bücherstand der AGB genauer hingucken. "Band 2.1 bräuchten Sie, der ist nicht da. Ist ja komisch, das Lehrbuch zweiter Teil fehlt", seufzt eine Frau hinterm Bibliotheks-Stand. Bei einem Preis von ein, zwei Mark meckern hier aber wohl nur die wenigsten.

Die in der Bibliothekenszene geäußerten Vorwürfe, es würden mangels Finanzen immer mehr Bücher, die aus der Bindung gehen, nicht mehr repariert und einfach aussortiert, sowie auch andere Exemplare mangels Platzgründen auf den Markt geworfen, kann die zuständige Mitarbeiterin der Amerika Gedenk Bibliothek für ihr Haus nicht gelten lassen. Zumal die AGB die Senatsauflage besitze, Bücher für das Land Berlin zu sammeln. So müsse stets mindestens eine Ausgabe zurückbehalten werden, sagte Frau Schmitt. Auch außerhalb des Foyers ist an diesem Sommersonnabend einiges los. Draußen vor dem Eingang werden für irgendeinen weltverbessernden Zweck Unterschriften gesammelt, und auch der junge Bücherhändler hat wieder seinen mobilen Stand mit Lesewerk - um die Hälfte billiger als üblich - aufgebaut. Drinnen wagen Bibliotheks-Nutzer, die in früheren Jahren ein Vermögen an Mahngebühren losgeworden sind, angesichts fremdsprachiger Videos und vielfältigen CD-Angebots einen Neuanfang. 20 Mark Ausleihgebühr für ein ganzes Jahr sind den Versuch wert. Nach dem Durchsehen der schon von Tausenden Händen begriffenen Leihwerke muss man sich indes erst einmal die Finger waschen.

Auch mentale Reisen per Fernsehbildschirm können mitgenommen werden: China, Australien, Hawaii, Japan, Mecklenburgische Seenplatte. Draußen auf den Krabbeltischen gehört Reiseliteratur im Sommerausverkauf ebenso zum Angebot. Sicher mag die eine oder andere Backpacker-Unterkunft in Thailand, die eine oder andere Taverne auf Kreta oder Rhodos schon längst geschlossen sein - Historie, Wetter und Sehenswürdigkeiten dürften indes dem Lauf der Zeit trotzen. Den nächsten Verkauf veranstaltet die Amerika Gedenk Bibliothek dann, wenn alle Urlauber wieder nach Berlin zurückgekehrt sind: Mitte September.

Unterdessen nutzten viele Bibilotheksbesucher den gestrigen Tag, um sich Nachschlagewerke für den heimischen Computer zu besorgen, die schon längst nicht mehr im Fachhandel erhältlich sind. Der Blick in die Bücher wird manchem Experten wie eine Zeitreise in die Anfänge der Computerisierung erscheinen. Im Foyer der AGB wechseln beispielsweise auch "MS Word 5.0" oder "Das Große Buch zu MS-DOS / PC-DOS" den Besitzer. Minh Tuan hat gleich ein halbes Bücherregal unterm Arm. Den Verkauf findet der Informatikstudent an der Technischem Universität "ganz lustig". Und wenigstens die Regeln der Mathematik bleiben wohl identisch bis in alle Ewigkeit.

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