Sommer in Berlin : Hört auf, über das Wetter zu jammern!

Hilfe, es ist so unerträglich heiß! Oder: Wir werden weggeregnet! Alle beklagen sich – anstatt über Dinge zu reden, die sie ändern könnten.

Ja, wirklich. Das Bild wurde im Sommer 2017 aufgenommen. In Berlin.
Ja, wirklich. Das Bild wurde im Sommer 2017 aufgenommen. In Berlin.Foto: Daniel Bockwoldt/dpa

Ja, es hat in diesem Sommer schon öfter mal geregnet. Und es gab Tage, an denen ein (zweiter) Pullover zur Grundausstattung gehört hat. Manchmal liefen sogar Keller voll Wasser und Straßen über. Das ist tatsächlich blöd für alle Betroffenen. Andere klagen, die Luft sei schwül, die Hitze heute wieder unerträglich, und in der Altbauwohnung unterm Dach könne man es ohnehin nur noch aushalten, wenn man die Türen zu allen drei Balkonen öffnet. Schlimm, schlimm. Nur: Das ist nicht erst seit diesem Jahr so. Die unerträgliche Hitzewelle steigt den Menschen zu Kopf, hieß es 2015. 2016 war „das Jahr der Sturzfluten“. 2017 ist irgendwie beides, je nachdem, mit wem man spricht.

Lasst es gut sein! Wir leben halt nicht in Spanien oder Südfrankreich, und selbst wenn wir das entsprechende Wetter hätten, würden doch wieder alle jammern ohne Riviera und Côte d Azur. Sehr viel tugendhafter sind dagegen die Engländer. Im Londoner Hyde Park sitzen schon im März Menschen in kurzen Hosen und T-Shirts zum Lunch auf der nassen Wiese, während die kontinentaleuropäisch verhätschelten Touristen noch den Kragen ihrer Daunenjacke hochstellen.

Das kennen in Deutschland sonst nur – Achtung, Reizwort für Berliner – die Hamburger. Und selbst die hatten es in diesem Sommer offenbar gut. Witzbolde zweifelten nach dem G-20-Gipfel im Juli an der Echtheit der Bilder von den Krawallen. Mit der Begründung, auf allen scheine die Sonne.

In den Parks ist der Rasen von Decken und Hintern plattgedrückt

Durch Berlins Straßen laufen währenddessen Menschen mit einer Tiefenbräune, als hätten sie sechs Wochen lang oben ohne sizilianische Straßen geteert. In den Parks ist der Rasen von Decken und Hintern plattgedrückt, in den Biergärten und vor den Spätis sitzen Touristen und Einheimische bis spät in die Nacht. Und vor den Eisdielen stehen Eltern und Kinder Schlange – sogar vor denen, die veganes Eis produzieren.

Was also ist euer Problem? Dass es zwischendurch regnet, auch mal in „Sturzfluten“? Die Stadt hat schon andere Sommer erlebt. Solche, in denen Balkone und Grünflächen so braun waren wie sonst nur Charlottesville. In denen es an jeder dritten Ecke stank, nach Urin und Hundekot, nach Abfällen und Schweiß. Weil kein Tropfen Wasser diese Düfte hätte fortspülen können. Das passte dann auch wieder niemandem. Andere Berliner Sommer waren kälter und verregneter. Wer im Netz diverse Wetterarchive durchklickt, muss den Eindruck bekommen, das aktuelle Wetter sei unerträglich trocken – verglichen mit 2016, 2015, 2014.

Woran also stört sich diese Stadt? Geht es bloß ums Meckern? Um Smalltalk? Regen finden alle doof, der gemeinsame Feind ist schnell ausgemacht, ein Verbündeter leicht gefunden, beim Friseur und in der Kaffeeküche. Politisch korrekt, ohne dass es wehtut. Der Frust der Arbeitswoche wird auf dieses verdammte Gewitterchen abgeladen. Petrus als Boxsack für die Sozialhygiene.

Geschlaucht. Die Feuerwehr musste in diesem Sommer zahlreiche Keller auspumpen. Das ist aber nicht ungewöhnlich.
Geschlaucht. Die Feuerwehr musste in diesem Sommer zahlreiche Keller auspumpen. Das ist aber nicht ungewöhnlich.Foto: Maurizio Gambarini/dpa

Früher machten Menschen zum Ausgleich Sport oder hörten laut Musik oder schrieben Texte, in denen sie über Gejammer jammern. 2017 muss eben der Sommer dran glauben. Das ist deshalb nervig, weil es so viel Wichtigeres zu diskutieren gäbe, so viel mehr, worüber man sich aufregen könnte. Faschisten in den USA zum Beispiel, oder ein Präsident, der das alles mitzuverantworten hat und nebenbei diversen Ländern mit militärischen Interventionen droht. Oder einen handfesten Dieselskandal in Deutschland. Flughafen Tegel geht auch immer. Und ist nicht auch Bundestagswahl im September?

Alles Dinge übrigens, die menschengemacht sind, die sich also ändern ließen. Anders als das Wetter. Ist es zu anstrengend, hier Energie reinzustecken? Weil jemand anderer Meinung sein könnte? Ist das Politische einfach zu brisant? Es gibt banale Alternativen: Kam der Bus heute vielleicht zu spät? Hat an der Kasse der Kunde vorne in der Schlange wieder minutenlang sein Kleingeld abgezählt, um am Ende doch mit dem Hunderter zu bezahlen? Hat euch jemand die Vorfahrt genommen? Kotzt euch aus – aber bitte nicht mehr über einen Sommer, der gar nicht ins Wasser gefallen ist. Ach ja, die Bundesliga läuft auch wieder. Ring frei.

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