Sommer in Berlin : Is’ nüscht mit dolce far niente

Ach, sprächen sie doch nur Provençalisch! Unsere Kolumnistin Pascale Hugues möchte ausschlafen. Stattdessen wird sie zu linguistischen Studien gezwungen. Jetzt auch auf Französisch!

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Ach, wär' doch mehr Provence.
Ach, wär' doch mehr Provence.Foto: Chad Ehlers/dpa

Endlich schlafen, zum Teufel! Wie macht man das, im Sommer in Berlin schlafen? Das frage ich mich jeden Morgen, wenn ich im Spiegel die violetten Ringe unter meinen Augen sehe. Schlag 7.30 Uhr. Es sind Ferien. Überall sonst: bis in die Puppen schlafen und dolce far niente.

Wie dem auch sei – in Berlin ist es Zeit zum Aufstehen. Und Zeit, das Dach auf unserem Haus zu reparieren. Eine Art Kübel klettert knatternd das Baugerüst hoch, bis zum Dach, bis in den Himmel. Eine Wolke Zigarettenqualm quillt durch die Schlafzimmerfenster und attackiert die Nasen der Schlafenden.

Man hat noch kaum die Augen geöffnet. Man ist noch vom Schlaf benommen, noch nicht wieder auf der Erde, und schon muss man aus dem Bett springen und so schnell wie möglich die Fenster vor den Arbeitern schließen, die mit der Zigarette im Mund die Leitern hochturnen. In einer perfekt synchronisierten Bewegung drehen dreißig Hände fünfzehn Fenstergriffe.

Sommer in Berlin: Wenn Bauarbeiter den Wecker ersetzen

Die Tabakvergiftung konnte gerade noch abgewendet werden, nicht jedoch der Angriff auf die Ohren. Nicht einmal die Doppelfenster der alten Berliner Wohnungen können die dröhnende Stimme des Vorarbeiters dämpfen, der vom Bürgersteig ganz unten den Dachdeckern ganz oben Anweisungen gibt.

Der Dialog – wenn man diese vertikale Anschreierei so nennen möchte – dauert gut fünf Minuten. Und, das dürfen Sie mir glauben, sie ist wirkungsvoller als das Klingeln des Weckers. In fünfzehn Betten im ganzen Gebäude ist jetzt jeder hellwach. Kein Gedanke daran, den Kopf noch mal im Kissen zu vergraben und wieder einzuschlafen. Mit weit aufgerissenen Augen und einem Herzen, das im besten Fall einem mitreißenden Techno-Beat folgt, im schlimmsten dem schmalzigen Lamento eines Schlagersängers.

Tagesspiegel-Kolumnistin Pascale Hugues liest und diskutiert im Tagesspiegel-Salon.
Tagesspiegel-Kolumnistin Pascale Hugues.Foto: Thilo Rückeis

Wie viele Dezibel so ein winziger Transistor hervorbringen kann! Die Wände vibrieren. Das Gerüst rattert. Die Schläfer schimpfen: „So eine Scheiße!“, die Hausgemeinschaft verwandelt sich in einen großen klagenden Chor. Alle zusammen kapitulieren wir und stehen auf.

„Wir hatten das ganze Frühjahr die Handwerker da. Das Haus ist von Grund auf renoviert worden“, erzählten mir gestern auf einer Restaurantterrasse französische Freunde, die gerade aus Südfrankreich zurückgekommen sind. Sie waren ganz gerührt: „Du kannst dir nicht vorstellen, von früh bis spät dieser provençalische Akzent, so fröhlich, so charmant … Ein richtiges kleines Konzert, und so melodisch … Ein Genuss … Wir waren ganz traurig, als sie fertig waren.“

Ich sah sie ratlos an. Nein, das raue Berlinerisch, vor allem, wenn es gebrüllt wird, ruft in mir wirklich nicht die gleiche Zärtlichkeit hervor. Das Provençalische ist der Dialekt meines Großvaters und meiner Großtanten. Der Dialekt der Ferien meiner Kindheit. Allerdings ist es meine feste Überzeugung, dass wir dieses morgendliche Erwachen nutzen sollten, um uns weiterzubilden.

Die Baustelle auf einem Berliner Dach verschafft uns die Möglichkeit, eine linguistische Studie auf empirischer Basis durchzuführen. Was sind die typischen Merkmale des Berliner Dialekts? Worin unterscheidet er sich vom Schwäbischen oder vom Provençalischen?

Städtisch, proletarisch, unverfroren, schroff

Das Berlinerische ist städtisch, proletarisch, unverfroren, schroff, sogar ein wenig brutal. Es macht aus dem weichen „ich“ ein forsches „icke“, aus dem „g“ im Anlaut ein gallertartiges „j“, das einem von den Lippen fließt, es verschmäht den Diphthong „au“ zugunsten des direkten runden „o“. Viel ulkiger als das zu üppige, zu ordentliche, zu arbeitsame Schwäbische, dessen Tranigkeit mich in den Wahnsinn treibt.

Der Berliner Dialekt ist schnell, wach, zielgerichtet. Man kann sich an ihm reiben, ihn anrempeln. Er gibt nicht nach.

Man hatte uns versprochen, dass die Arbeiten vier Wochen dauern würden. Seit einer gefühlten Ewigkeit hängen diese Spidermen nun an unserer Fassade. Wir müssten ihnen für jede Pause dankbar sein: Zigarettenpause, Pinkelpause, Kaffeepause, Mittagspause … und auch für den plötzlichen Schauer, für den Einbruch der Dunkelheit. So viele Möglichkeiten, unsere Langzeitstudie auszudehnen und in aller Ruhe die Berliner Sprache mit all ihren Schattierungen und ihren saisonalen Varianten zu erforschen.

Schlaflos zwar, aber zu guter Letzt echte Linguisten.

Aus dem Französischen von Elisabeth Thielicke.

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