Sommer in der Prignitz : Das Wunder von Perleberg

Lotte Lehmann war Sopranistin von Weltrang – und echte Prignitzerin. Ihre Geburtsstadt besuchen nun Sänger aus aller Welt.

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Große Robe. Sopranistin Lotte Lehmann verhilft viele Jahre nach ihrem Tod 1976 der Stadt Perleberg zu einem bisschen Weltruhm.
Große Robe. Sopranistin Lotte Lehmann verhilft viele Jahre nach ihrem Tod 1976 der Stadt Perleberg zu einem bisschen Weltruhm.Foto: Imago/United Archives International

Wenn Lotte Lehmann, die 1976 verstorbene deutsche Sopranistin mit Weltruhm, aus dem Sängerhimmel auf ihre Geburtsstadt Perleberg in der Prignitz blicken könnte: Sie würde weinen vor Glück. Denn sie sähe eine hübsch herausgeputzte Kleinstadt, malerisch umflossen von zwei Armen der Stepenitz, in der ihr Name und ihre Kunst erstaunlich präsent sind. Könnte die Sängerin gar einen Spaziergang durch die sommerliche Altstadt machen, dann würde sie aus vielen Gebäuden heraus vertraute Melodien von Mozart, Schubert oder Rossini erklingen hören.

Sie würde Menschen treffen wie Rui Hao aus der chinesischen Provinz Shanxi und Yakov Israel aus Boston, Katarzyna Rabczuk aus Polen und Angela Prause aus dem benachbarten Silmersdorf, die summend zu einem prominent am Markt gelegenen Haus mit frischem grünen Anstrich schlendern: der Lotte-Lehmann-Akademie. Und spätestens, wenn die Sängerin die Plakate überall in der Stadt und ihr eigenes Bild sehen würde, aus einem der Akademie-Fenster groß über die Dächer hinweg lächelnd, wüsste sie: Hier ist ein Wunder geschehen.

Das Gesangswunder von Perleberg
Sie lächelt über die Dächer hinweg: Die Sopranistin Lotte Lehmann. 1888 wurde sie in Perleberg geboren, 1976 starb sie in Kalifornien - und heute prägt sie jeden Sommer die Kleinstadt in der Prignitz.Weitere Bilder anzeigen
1 von 34Foto: Dorothee Nolte
02.09.2015 14:07Sie lächelt über die Dächer hinweg: Die Sopranistin Lotte Lehmann. 1888 wurde sie in Perleberg geboren, 1976 starb sie in...

Zur Lotte-Lehmann-Woche kommen Profis und Laien

Es ist das Wunder von Perleberg, das sich jeden Sommer aufs Neue ereignet: Junge und nicht mehr so junge Sängerinnen und Sänger, Profis wie Laien, kommen in die Kleinstadt, um sich ihrer Leidenschaft zu widmen. Unterstützt von einem hochkarätigen Dozententeam entwickeln sie sich technisch und künstlerisch weiter und erarbeiten Stücke, die sie bei meist ausverkauften Auftritten in Perleberg und in Höfen und Kirchen der Umgebung vortragen, als Teil des alljährlichen Kulturfests „Prignitzsommer“. Von April bis September bietet der Prignitzsommer eine Vielzahl von Veranstaltungen, von den Pritzwalker Festtagen und Tagen der offenen Gärten und Ateliers über die Elblandfestspiele in Wittenberge bis zum Mittelalterspektakel auf der Burg Plattenburg.

Perleberg feiert in diesem Sommer sein 777-jähriges Bestehen. Dass heute jede Friseurin und jeder Ladenbesitzer der Stadt den Namen Lotte Lehmann (1881 bis 1976) kennt, obwohl sich die Sängerin bereits 1951 von der Bühne verabschiedet hat und ihre letzten Lebensjahrzehnte in Kalifornien verbracht hat, ist unter anderem dem Tenor Angelo Raciti zu verdanken. Er ist künstlerischer Leiter der Lotte-Lehmann-Akademie. Was 1998 mit einer Reihe von Gedenkveranstaltungen zum 110. Geburtstag der Sängerin begann, hat sich auch durch sein Engagement aufs Schönste entwickelt, mit regelmäßigen Sommerkursen und einem eigenen Akademie-Gebäude.

Eine Krankenschwester überrascht mit glockenhellem Sopran

Zur Lotte-Lehmann-Woche im August etwa können sich auch Laien anmelden: „Es kommen junge Talente, die noch nicht wissen, ob sie sich für ein Gesangsstudium entscheiden sollen, Gesangsstudenten im Masterstudium, aber auch musikbegeisterte Laien“, sagt Angelo Raciti. „Genau diese Mischung macht die besondere Atmosphäre aus.“

Beim großen Abschlusskonzert in der Kirche Sankt Jakobi überrascht dann eine Deutschlehrerin oder eine Krankenschwester mit einem glockenhellen Sopran und begeistern die Jungprofis mit schwierigen Arien wie die der „Königin der Nacht“. Neben der Lotte-Lehmann- Woche“ gibt es jedes Jahr auch einen dreiwöchigen Sommerkurs ausschließlich für junge Profis aus aller Welt, die von Dozenten wie Karan Armstrong und Thomas Moser unterrichtet werden.

Die Stadt Perleberg und private Sponsoren unterstützen

Die meisten Unterrichtsstunden können seit dem Jahr 2012 in einem eigenen Haus stattfinden: Ein Gebäude am Markt, das lange leer stand, konnte mit Fördermitteln aus dem Programm „Aktive Stadtzentren“ saniert und zur Lotte-Lehmann- Akademie“ umgebaut werden. Es bietet zahlreiche Übungsräume mit Klavieren und Keyboards und wird im Rest des Jahres von der Touristen-Information und anderen städtischen Einrichtungen mit genutzt.

Bemerkenswert ist die Unterstützung der Lotte-Lehmann-Akademie durch die Stadt Perleberg ebenso wie durch private und öffentliche Sponsoren, angefangen vom Besitzer des Eiscafés bis hin zum Hauptsponsor, dem ostdeutschen Sparkassenverband und der Sparkasse Prignitz. „Die Lotte-Lehmann-Akademie ist ein Alleinstellungsmerkmal für die Stadt“, sagt Bürgermeisterin Annett Jura (parteilos). „Sie nützt den Bürgern, der Stadt, dem Umland, dem Tourismus und der Wirtschaft.“ Und sie bringt die Stadtgesellschaft zusammen: Die Freunde und Förderer aus der Stadt treffen sich bei den Konzerten.

In der Bäckerstraße, der Hauptgeschäftsstraße der Fußgängerzone, gibt es ein Café, das „Paradies“ heißt. „Willkommen im Paradies!“, so begrüßt Chefin Petra Unterberg jeden Gast, der ihr fantasievoll bunt eingerichtetes Lokal betritt. Man möchte sich vorstellen, dass Lotte Lehmann nach ihrem Ausflug ins Perleberg der Gegenwart auf einem der grünen Stühle Platz nehmen und ein Liedchen anstimmen würde: Sie wäre hier im Sängerparadies.

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