Sommeranfang in Berlin : Wir haben allen Grund zum Meckern!

Heute ist Sommeranfang - und die Tage werden wieder kürzer. Sommer? Ist ja wohl ein Witz, findet Bernd Matthies. Ein Kommentar.

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Und das soll Sommer sein? Diesen Touristen aus Barcelona macht das Wetter vielleicht nichts aus. Uns Berlinern aber schon, meint Bernd Matthies.
Und das soll Sommer sein? Diesen Touristen aus Barcelona macht das Wetter vielleicht nichts aus. Uns Berlinern aber schon, meint...Foto: Stephanie Pilick/dpa

Bitte, ja, wir Berliner mäkeln immer. Wir sind die Messis und Ronaldos des Meckerns in Personalunion, wir haben an buchstäblich allem was auszusetzen, das macht uns bissig und neurotisch und blind für die Schönheiten des Daseins und vergrätzt all jene, die sich ihr Gegenüber edel, hilfreich und gut wünschen. Dabei wird allerdings eine bedeutsame Tatsache ständig übersehen: Wir haben verdammt noch mal auch allen Grund zum Meckern.

Nehmen wir das Wetter: Sonntag ist Sommeranfang. Wer diesen Tag nimmt, um draußen zu grillen, der hat einen wichtigen Vorteil: Die Getränke müssen nicht kaltgestellt werden. Aber bitte, Sommeranfang? Das da draußen ist April, und unter all den Aprils der letzten Jahrhunderte sogar ein ziemlich mieser. Man wickelt sich morgens in allerhand Klamotten ein, friert trotzdem, und wenn dann um 13.35 Uhr die fünf Sonnenminuten kommen, dann ist es wieder zu warm, aber eben nur dann. Morgens regnet es wieder traulich, das ist schön für die Blümlein und das Getreide und die sonst dem Verdorren geweihten öffentlichen Grünanlagen – aber man möge von uns gestressten Hauptstädtern nun doch keine übertriebene Blumenempathie erwarten, solange es auf die Grillglut schüttet.

Besserung, also alles umwölbende Wärme, wäre zweifellos vom Klimawandel zu erwarten, denn spätestens, seit auch der Papst ihn in seine theologische Gesamtschau aufgenommen hat, sind Zweifel ja nicht mehr gottgewollt. Doch wo ist dieser Wandel nun? Hat das Wetter, diese Arschgeige, den Schuss nicht gehört? Verweigert es sich vorsätzlich dem göttlichen Ratschluss? Und weshalb lässt ER sich das bieten?

Wir Berliner sind zwar übelnehmerisch, aber wir wissen, warum. Denn wenn wir am 21. Juni in der Mitte zwischen zwei Tiefdruckgebieten hängen, von denen eins die Kälte und das andere den Regen bringt oder umgekehrt, und wenn jeder Hauch Wärme alsbald von krass vollfetten Gewittern wieder rausgefegt wird, dann erinnern wir uns an eine meteorologische Lektion. Sie besteht darin, dass zum feinen Hochsommer eine stabile Hochdrucklage gehört. Die ist entweder da oder nicht, und wenn sie zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht da ist, dann kommt sie auch nicht mehr. Wir erkennen das daran, dass die Meteorologen immer so ein wenig hüsteln, von Tag zu Tag mehr, dann erklären sie uns angesichts des Siebenschläfertages am 27. Juni, dass diese alte Regel mit den sieben Wochen zwar einiges für sich habe, räusper, aber nicht absolut wörtlich zu nehmen sei, und vielleicht komme ja noch was, so Mitte August könne man bei ganz genauem Hinhorchen in die Computermodelle noch ein Zeitfenster erkennen… Dann regnet es weiter, und plötzlich ist September, causa finita, wieder ein 30-Prozent-Sommer.

Ja, und nun schauen Sie mal zum Himmel. Ist da irgendwas zu sehen, was auch nur irgendwie nach einer stabilen Hochdruckwetterlage aussieht? Nach einem Grund, den Sommer ausgerechnet in dieser Stadt zu verbringen?

Na eben. Und da sagen immer alle, wir Berliner mäkeln ohne Grund.

Wollen Sie wirklich wissen, wie das Wetter wird? Dann schauen Sie hier: wetter.tagesspiegel.de

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