Berlin : Sommerleid, Somerfreud: Angriff der Killerwespen

Andreas Conrad

Fliegen, summen, stechen - diese unheilige Dreifaltigkeit hat die Fantasie des Menschen seit jeher beflügelt. Ja, man müsste einmal eine Kulturgeschichte der Wespe und ihrer Darstellung durch die Jahrhunderte schreiben, die freilich ohne eine vergleichende Analyse der Biene und ihrer Abbilder nicht auskäme, unter besonderer Berücksichtigung des Weiblichen. Denn es ist doch so, dass die klassische Zweiteilung der Frau als Heilige und Hure, als Mutter und Geliebte, als Trostspenderin und als Mörderin sich auf den Dualismus von Biene und Wespe übertragen lässt.

Die Biene, das ist die positive, produzierende Kraft. Schon unsere Vorfahren schlugen sich mit den Urbären darum, wer zuerst von dem süßen Honig naschen dürfe, Bienenzüchten ist noch immer eine anerkannte Form des Zeitvertreibs, und gerne werden Bienen zur Dekoration vornehmlich weiblicher Kleidungsstücke genutzt. Dennoch, der Ehrentitel "Flotte Biene" ist in Vergessenheit geraten, wird allenfalls noch von ergrauten Herren oder in ironischer Brechung verwendet, auch der alte Peter-Krauss-Kracher "Motorbiene" wird zur bloßen Volksbelustigung gespielt. Und die populärste Honigsammlerin ist allemal die pummelige Biene Maja.

Mit der Wespentaille sieht es da schon anders aus. Gewiss, ein Begriff aus früheren Jahrzehnten, ja, man muss schon sagen, aus dem letzten Jahrhundert, doch immer wieder gerne verwendet, wenngleich seltener als früher: Eine Marilyn-Monroe-Figur, oben und unten weit ausladend und dazwischen praktisch nichts, gilt nicht mehr unbedingt als verbindliches Mode- und Figurenideal.

Ende der fünfziger Jahre war das noch anders. Ein Regisseur wie Roger Corman konnte da einen neuen Film schlicht "Die Wespenfrau" nennen, und schon lag der rote Faden vor ihm. Es ging um einen Professor namens Zinthorp, der aus Sekreten der Wespenkönigin eine verjüngende Substanz gewinnen will. Selbstverständlich findet er eine reiche Gönnerin, die gerne eine erkleckliche Summe springen lässt, dann aber ungeduldig wird und heimlich von der Substanz zu naschen beginnt. Die Rache der Natur lässt nicht lange auf sich warten: Die Dame mutiert zu einem mordlüsternen wespenähnlichen Monster, der Inkarnation des männerfressenden Weibes.

Zugegeben, auch Bienen haben Killerinstinkte, in der Fiktion wie in der Realität. "Mörderbienen greifen an" hieß ein 1953 in Großbritannien gedrehter Film, unter demselben Titel versuchte es Hollywood 23 Jahre später noch einmal, übrigens mit Horst Buchholz als Dr. Müller. In den letzten Jahren hat man zudem aus Amerika von Bienenvölkern gehört, Kreuzungen aus afrikanischen Importbienen mit einheimischen Königinnen, die geradezu mörderische Instinkte entwickelten. Doch all dies hat wenig daran geändert, dass man so abscheuliches Verhalten spontan eher den Wespen zusprechen würde, unseren Futterrivalen bei Marmeladenbroten, Pflaumenkuchen und Cola.

Zu erwähnen bleibt an dieser Stelle - damit sind wir wieder bei der Wespentaille - ein wie Cormans "Wespenfrau" aus der Mitte des letzten Jahrhunderts stammendes und, ja, man muss schon sagen, legendäres Gefährt, dessen Name alles sagt: die "Vespa". 1946 war sie von der italienischen Firma Piaggio entwickelt worden, die damals gerade den Wechsel von - na bitte! - der Flugzeug- zur Zweiradproduktion vollzog. Nur sieben Jahre später hatte der Italo-Roller den Sprung auf die Kinoleinwände geschafft, in William Wylers "Ein Herz und eine Krone". Allerdings, einen breiten Hintern wie die "Vespa" hatte Gregory Pecks Partnerin nicht zu bieten. Audrey Hepburns Figur war eher knabenhaft.

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