Sommerzeit : Ausgeschlafen statt aufgeweckt

Länger schlafen ist gesund, sagen Wissenschaftler. Und: "In Berlin muss keiner mehr morgens Kühe melken". Sollen die Berliner deshalb später aufstehen? Ein Pro & Contra zum Beginn der Sommerzeit.

Sandra Dassler

Soll Berlin länger schlafen? „Ja, natürlich“, sagt David Fischer-Kerli. Der Publizist und Soziologe lebt in Heidelberg, kommt aber öfter nach Berlin. Er hat sich intensiv mit der Verherrlichung der Frühaufsteher und der Verteufelung der Langschläfer befasst. Beides resultiere daraus, sagt er, dass der moderne Mensch die moderne Zeit irgendwie verschlafen habe.

In den Agrargesellschaften war es nämlich noch existenziell wichtig, früh aufzustehen. „Wenn die Kuh gemolken werden musste, weil ihr sonst das Euter platzte, konnte man sich nicht nochmal umdrehen“, sagt Fischer-Kerli: „Aber wie so oft in der Menschheitsgeschichte wurde aus dem pragmatischen Anlass ein moralisches Gebot. Und wie so oft hat sich dieses verselbständigt, obwohl es seinen Sinn verloren hat. Die meisten Leute müssen morgens keine Kuh mehr melken.“

Schon gar nicht in Berlin. Die Abstimmung am John-Lennon-Gymnasium zum späteren Schulbeginn hat deshalb viele Gemüter erhitzt. Irgendwie betrifft es ja jeden: Wie viele Eltern reißen ihre Kinder jeden Morgen mit schlechtem Gewissen aus dem Schlummer? Wie viel Geduld kostet es, die Kleinen dann zum Anziehen, Lächeln oder gar Essen zu bewegen?

Bei den Kindern werde uns am ehesten bewusst, dass das vom Wecker diktierte Erwachen nicht natürlich ist, sagt der Berliner Schlaf-Forscher Dieter Kunz: „Es ist wissenschaftlich belegt, dass geweckt zu werden auch für Erwachsene bedeutet, nicht richtig ausgeschlafen zu haben. Wenn daraus ständiger Schlafmangel wird, leiden Betroffene nicht nur unter verminderter Leistungsfähigkeit, es können sich auch Diabetes Mellitus, Bluthochdruck und Fettleibigkeit entwickeln.“

Besonders gefährlich sei das für so genannte „Eulen“ – Menschen, deren innere Uhr auf späteren Beginn des Tages steht während die „Lerchen“ schon morgens um sechs fröhlich pfeifend zur U-Bahn schlendern. „Eulen“ machen 20, „Lerchen“ zehn Prozent der Bevölkerung aus – aber auch 70 Prozent „Normalos“ geben an, morgens meist durch den Wecker aus dem Schlaf gerissen zu werden.

Warum also nicht später aufstehen? Schulen, Kitas und viele Firmen könnten relativ problemlos um zehn Uhr statt um acht beginnen. In Kopenhagen wird das bereits praktiziert, seit sich vor zwei Jahren tausende dänische „Eulen“, die sich dort B-Menschen nennen, in der „B-Society“ zusammenschlossen.

Natürlich erfordert das von Verwaltungen und Firmen ein Umdenken. Für die Berliner Verkehrsbetriebe wäre es aber kein Problem, wenn die Stadt länger schliefe, sagt ihr Sprecher Klaus Wazlak: „Wir würden uns darauf schnell einstellen können“. Auch für die Polizei macht es keinen Unterschied, ob die morgendliche Rushhour um sieben oder um neun beginnt. Vielleicht sinken sogar die Unfallzahlen, denn viele Crashs passieren am frühen Morgen, weil Menschen noch nicht richtig wach sind. Auch Energieversorger hätten nichts gegen eine Verlängerung des Nachtschlafs. „Wir sehen ja, dass die Sommerzeit weder positive noch negative Auswirkungen hat“, sagte ein Vattenfall-Sprecher: „Wer später aufsteht, geht meist auch später schlafen.“

Dem Länger-Schlafen stehen weniger organisatorische Fragen im Weg als der fehlende Mut zum Werte-Wandel, sagt Schlafforscher Kunz: „Früh aufstehen wird gleich gesetzt mit Leistungsbereitschaft und Dynamik“, sagt er: „Oft ist aber das Gegenteil der Fall. Wenn mir ein Manager stolz erklärt, er käme jetzt mit fünf Stunden Schlaf aus, ist er dem Herzinfarkt wieder näher gerückt.“ Länger schlafen würde viele Menschen gesünder machen und Kosten sparen, argumentiert Kunz.

Doch so lange Kinder mit Sätzen wie „Morgenstund’ hat Gold im Mund“ oder „Abends werden die Faulen fleißig“ aufwüchsen, sei man davon weit entfernt, sagt Soziologe Fischer-Kerli. Und hofft trotzdem, dass gerade Berlin mit seinem Laissez-faire einen Werte-Wandel in Sachen Später-Aufstehen einleiten könnte.

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