Sonderpreis für nachhaltiges Engagement 2013 : Das verborgene Kapital

Fünf Jahre suchte Uwe Fiebig unermüdlich nach einem Job, kassierte immer nur Absagen. Nach einer Umschulung fand er eine Stelle bei Finanzmakler Gerd Zaulig – und entdeckte nebenbei seine Leidenschaft.

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Uwe Fiebig kümmert sich im Büro von Makler Zaulig um die Verwaltung.
Uwe Fiebig kümmert sich im Büro von Makler Zaulig um die Verwaltung.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

„Ja, wir schwimmen gegen den Strom“, sagt Finanzmakler Gerd Zaulig. Viele Betriebe, die aufgrund ihrer Größe eigentlich zur Einstellung schwerbehinderter Menschen verpflichtet wären, würden sich lieber freikaufen und stattdessen die sogenannte Ausgleichsabgabe zahlen. Doch es geht auch anders. Obwohl Zaulig als Kleinunternehmer keiner Beschäftigungspflicht unterliegt, haben zwei seiner drei Mitarbeiter ein Handicap – eine Quote, die weit über die gesetzlich geforderten fünf Prozent hinausgeht. Für sein langjähriges und nachhaltiges Engagement wurde er im Rahmen des diesjährigen Inklusionspreises mit dem Sonderpreis ausgezeichnet.

Seit 1990 bietet der Zaulig Maklerservice in Köpenick unabhängige Finanzberatung an und ermittelt für seine Kunden die besten Produkte am Markt. Dabei unterliegt der Chef strengen Kontrollen – für falschen Rat muss er geradestehen, Fehler kann er sich nicht leisten. Wie kommt man da auf die Idee, freiwillig mehr als die Hälfte der Arbeitsplätze mit schwerbehinderten Menschen zu besetzen? „Durch persönliche Erlebnisse“, lautet Zauligs Antwort. Seine Frau brachte ein behindertes Kind mit in die Ehe. Es habe viel persönlichen Einsatzes und individueller Förderung bedurft. Doch die Anstrengungen haben sich gelohnt. „Mit dieser Unterstützung ist unsere Tochter Leistungssportlerin geworden und arbeitet heute als Lehrerin.“ Diese Erfahrung habe ihn fürs Leben geprägt.

Von der Leistungsfähigkeit von Menschen mit Handicap muss man Zaulig heute nicht lange überzeugen. Das war auch der Grund dafür, dass er Uwe Fiebig eine Chance gab. Seit August 2002 ist der 49-Jährige mit dem freundlichen Lächeln Teil des Teams und kümmert sich im Backoffice um die Verwaltung und die reibungslose Organisation der Firma – trotz einer angeborenen körperlichen Behinderung mit einem Schweregrad von 80 Prozent. „Ich bin froh, dass ich den Job habe“, sagt der dreifache Familienvater. „Und ich kann mich immer darauf verlassen, dass mein Geld pünktlich kommt.“ Von neun bis halb sechs ist der Berliner im Einsatz: Er hilft bei der Recherche von Produkten, bereitet Angebote vor und ist für die Erfassung und Pflege von Daten verantwortlich. „Die Abwechslung macht’s.“


„Ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort“

Doch der Weg dahin war nicht leicht. Der gelernte Fachverkäufer für Bürobedarf und Spielwaren arbeitete über zwölf Jahre als Verkaufsstellenleiter – bis er seine Stelle verlor. Bevor er bei Gerd Zaulig anfing, steckte Fiebig fünf Jahre in der Arbeitslosigkeit fest. „Ich habe mich beworben wie ein Wilder“, erzählt er. Doch seine erbitterten Versuche liefen jedes Mal ins Leere. „Das Schlimme ist: Mit der Zeit gewöhnt man sich daran.“ Ein Schicksal, das viele Schwerbehinderte in Deutschland teilen, obwohl sie im Schnitt sogar höher qualifiziert sind als Langzeitarbeitslose ohne Handicap. Doch aufgeben kam für Uwe Fiebig nicht infrage. Er entschied sich für eine Umschulung zur Bürofachkraft mit den Schwerpunkten Internet und Multimedia.

Dass er dabei seine große Leidenschaft entdecken würde, ahnte er damals nicht. „Javascript, HTML – das war für mich komplettes Neuland. Wir haben einen Webshop für eine IT-Firma gebastelt. Es waren echte Computerfreaks dabei“, schmunzelt Fiebig. Er holte sich seine erste eigene Kiste und wollte mehr wissen. Mit den frisch erworbenen Kenntnissen kam er schließlich zum Praktikum bei Zaulig – und hat es endlich gewuppt. Kurz darauf wurde er fest übernommen. „Ich war zur richtigen Zeit am richtigem Ort“, sagt Fiebig bescheiden. Und bekommt immer noch leuchtende Augen, wenn er von dem neuen Auswertungsprogramm erzählt, das er in Excel für seine Firma entwickelt hat. „Jetzt können wir alle Details über abgeschlossene Verträge, Stornos und Schäden pro Kunde schön tabellarisch abrufen“, sagt er stolz.

„Herr Fiebig ist die gute Seele bei uns“, sagt Gerd Zaulig. Und plant, einen weiteren Mitarbeiter mit Behinderung einzustellen. Dass es eine Herausforderung ist, daraus macht er keinen Hehl. „Ohne Unterstützung vom Integrationsamt geht das gar nicht.“ Allein die Einrichtung des Büros sei eine Investition. Herr Fiebig etwa bekam einen höhenverstellbaren Schreibtisch und einen bequemen Freischwinger. Einen Menschen mit Handicap einzustellen, ist das eine. „Ihn richtig zu integrieren, ist die eigentliche Aufgabe“, sagt der Chef. Im Alltag müsse man viel Geduld aufbringen und öfter mal selbst mit anpacken. „So wie wir hier arbeiten, werden wir bestimmt keine Multimillionäre“, schmunzelt Zaulig. Doch man hat den Eindruck, darum geht es in dieser Firma auch gar nicht.

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