Sonderpreis für nachhaltiges Engagement 2014 : In aller Ruhe

Im Bundesarchiv in Berlin-Lichterfelde hat Simone Tamás eine neue berufliche Perspektive gefunden. Sie wird zur Archivarin ausgebildet, sortiert die Geschichte - und hat auch ihr eigenes Leben neu geordnet.

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Vergangenheit stapelweise. So sehen die alten DDR-Akten aus, bevor Simone Tamás die Bündel versorgt, ihnen einen Titel und eine Signatur gibt.
Vergangenheit stapelweise. So sehen die alten DDR-Akten aus, bevor Simone Tamás die Bündel versorgt, ihnen einen Titel und eine...Foto: Thilo Rückeis

Sie sehen ein bisschen aus wie Weihnachtspakete, die vor Jahrzehnten im Keller oder auf dem Dachboden vergessen wurden: Die Blätterstapel, die Simone Tamás und ihre Kollegen vom Bundesarchiv in Berlin-Lichterfelde nach und nach aus den Regalen holen und auf ihren großen Schreibtischen bearbeiten, sind in Packpapier eingeschlagen und mit Bindfaden umwickelt worden. Die „Pakete“ werden ausgepackt, begutachtet, unter anderem auf Schimmelpilze untersucht und inhaltlich durchgesehen.

Dann bekommt jede Akte einen Titel und eine Signatur. Und wird ordentlich verstaut – bis ein Nutzer sie anfordert und in der Bibliothek wieder aufschlägt. Auch an diesem Dezembermorgen sind schon einige Gäste in den Lesesaal gekommen, 80 bis 100 sind es am Tag. Ein paar Stockwerke weiter oben sitzt Simone Tamás im Büro ihrer Ausbilderin.

Tamás, dunkle Locken, braune Augen und ein interessierter Blick, der die Gesprächspartnerin nicht aus den Augen lässt, ist von Geburt an hochgradig schwerhörig. Seit sie ein kleines Kind ist, trägt sie ein Hörgerät. Im Februar hat sie sich operieren lassen und nun „endlich“ ein Cochlea-Implantat im Ohr. „Ich habe gemerkt, dass ich vorher nur ein halber Mensch war “, sagt die 33-Jährige, die im Moment ihre zweite Ausbildung absolviert.

Und zwar nicht, weil sie auf ihren alten Beruf keine Lust mehr gehabt hätte. Wie so viele andere will sie nach der Schule am liebsten „was mit Medien“ machen. Kurz nach der Jahrtausendwende lässt sie sich zur Mediengestalterin ausbilden. Der Job macht ihr Spaß, sie mag es, kreativ zu arbeiten und sich immer wieder neue Lösungen auszudenken. Was sie nicht mag, sind die Bedingungen: die Hektik, die häufigen, oft langen Telefonate mit den Kunden, die „nun mal der König sind“.

Mit über 30 macht sie eine zweite Ausbildung

Fünf ihrer zehn Berufsjahre als Mediengestalterin ist sie arbeitslos: ein schwieriger Start ins Erwachsenen- und Berufsleben. Auf die Idee mit dem Wechsel, darauf, mit über 30 eine zweite Ausbildung zu machen, kommt sie über eine Freundin. Die ist ebenfalls schwerhörig – und hat bei ihrem Arbeitgeber, dem Bundesarchiv, eine Stelle gefunden, mit der sie sich sehr wohl fühlt. Tamás beginnt, sich zu informieren.

Sie recherchiert über das Bundesarchiv, das an seinen Berliner Standorten Lichterfelde und Wilmersdorf insgesamt 35 Mitarbeiter mit einer Schwerbehinderung beschäftigt, darunter vier Azubis. Und sie findet heraus, dass man sich dort zur Fachangestellten für Medien- und Informationsdienste (FaMI) ausbilden lassen kann.

Von den fünf möglichen Fachrichtungen fasziniert sie vor allem eine: das Archiv. Neben der Möglichkeit, wieder „was mit Medien“ zu machen, hat ihr Interesse zwei weitere Gründe: „Erstens finde ich es spannend, in alten Akten zu lesen. Zweitens arbeite ich gerne im Hintergrund, wo ich nicht so viel mit Kunden zu tun habe, das passt einfach besser zu mir.“ Die Ausbilder haben für die Azubis mit Handicap Zweier-Büros eingerichtet. Eines von vielen Beispielen dafür, wie das Bundesarchiv auf die Bedürfnisse behinderter Mitarbeiter individuell eingeht.

Ganz ohne Telefonate geht es nicht

Arbeitsplätze werden aufgerüstet und spezielle Möbel angefertigt. Es gibt einen Ruheraum und flexible Arbeitszeitregelungen – auch für Azubis. Dafür gab es in diesem Jahr den Sonderpreis für nachhaltiges Engagement des Berliner Inklusionspreises.

Simone Tamás unterhält sich am liebsten mit einzelnen Menschen, auch mit Gesprächen in kleinen Gruppen kommt sie zurecht. So kann sie Blickkontakt halten und „dabei bleiben“. Je mehr Menschen beteiligt sind, desto schwieriger wird es für sie, der Kommunikation zu folgen. Eine Mensa etwa oder ein Raum mit richtig hohen Decken sind purer Stress, akustische Verwirrung, „bei mir kommen dann nur noch Worte an, die einfach nicht stimmen können“.

Ganz ohne Telefonate geht es natürlich auch in ihrem neuen Job nicht. So lange diese kurz und auf das Wesentliche reduziert sind, ist das für sie in Ordnung. Viele Fragen kann sie aber auch per Mail klären. In der Berufsschule sitzt in einigen Fächern ein sogenannter Kommunikationsassistent an ihrer Seite, weil sie dem Blockunterricht zwar gut folgen, aber nicht gleichzeitig noch mitschreiben kann. Ihre Ausbilderin Roswitha Schröder hat Tamás aufmerksam zugehört. Sie erinnert sich noch gut an die Bewerbung, die vielversprechend klang, und an die erste Begegnung.

Am Anfang gab es "kleine Hemmschwelle"

Schröder ist ehrlich: Sie habe am Anfang schon eine „kleine Hemmschwelle“ gehabt, aber dann „war ich angenehm davon überrascht, wie gut wir uns verstehen können“. Der Aufnahmetest und das Gespräch seien wunderbar gelaufen. Heute sieht Schröder ihre Auszubildende so: „Frau Tamás ist sehr ehrgeizig, sie hat hohe Ansprüche an die eigene Arbeit und möchte alles perfekt machen.“ Sie sei bei den Kollegen anerkannt und „gibt sich nie nur mit den einfachen Aufgaben zufrieden“.

Ein paar Mal hat Schröder schon Tamas’ Kenntnisse als Mediengestalterin genutzt und sie zum Beispiel darum gebeten, ein Plakat zu entwerfen. Susanne Tamás scheint noch immer etwas überrascht zu sein, dass sie die Stelle tatsächlich bekommen hat.

"Ich lebe in drei Welten"

Mit ihren Azubi-Kollegen arbeitet sie gerade an einem eigenen Erschließungsprojekt, den Akten des Verlags „Volk und Wissen“, in dem die Schulbücher der DDR erschienen sind.

600 Meter misst der Bestand; die Azubis haben davon schon einiges abgearbeitet, in die Datenbank eingegeben und online gestellt. „Ich habe in meiner ersten Ausbildung gelernt, geduldig zu bleiben.“ Davon profitiert sie jetzt. „Ich musste mich erstmal finden“, sagt sie zum Schluss, „denn ich lebe in drei Welten, der Welt der Hörenden, der Schwerhörigen und der Gehörlosen.“

Heute weiß sie, wer sie ist. Und was sie sich wünscht, nach den vielen Jahren voller Höhen und Tiefen: eine unbefristete Stelle, mit der sie zur Ruhe kommen kann.

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