Sonderschule : Handicap ist nicht gleich Nachteil

An der Carl-von-Linné-Schule für Körperbehinderte in Lichtenberg läuft manches anders. Es gibt Logopäden, Physiotherapeuten, kurze Stunden - und das ganze Jahr über Betreuung.

Dylan haut zu. Die kleine Faust des Sechsjährigen knallt mit voller Wucht auf den frischen Ton, immer wieder. „Etwas mehr Gefühl!“ ruft Erzieherin Ines Fiebig. Da werden die Bewegungungen des Jungen gezielter, auch vorsichtiger. „Es ist unheimlich wichtig, dass die Kinder lernen ihre Kraft zu dosieren“, sagt die Erzieherin. Nicht nur deshalb haben alle Erst- bis Viertklässler der Carl-von Linné-Schule eine Keramikstunde pro Woche – im Reich von Ines Fiebig, dem professionell ausgestatteten Töpferraum mit eigenem Ofen.

An diesem Tag sitzt Dylan dort mit seiner Klasse aus der flexiblen Eingangsstufe: Insgesamt sind sie zu fünft, zwei weitere Kinder aus der Klasse sind heute krank. Aber die Klassengröße ist nicht das Einzige, was hier anders ist als an anderen Schulen: Die Carl-von Linné-Schule in Lichtenberg ist eine Schule für Kinder mit Körperbehinderung. Das können kleine und große Handicaps sein: ein fehlender Finger, Autismus, Diabetes, spastische Lähmungen, schweres Asthma. Etwa ein Viertel der Schüler hat zusätzlich eine Lernbehinderung oder das Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom.

Manchen, wie Dylan, Jarod und Patricia, sieht man ihre Behinderung nicht an. Ihre Mitschülerin Julia jedoch sitzt im Rollstuhl und ihr Klassenkamerad Muhedin walkt gerade geschickt mit einem Nudelholz Ton – mit nur einer Hand. Auf der linken Seite hat der Neunjährige nur einen Oberarm. Und doch ist er heute als erster mit der Aufgabe fertig: Er hat drei Sonnenblumen getöpfert, die Ines Fiebigs Kollegin jetzt zu einem Stiftehalter zusammensetzt. „Das Töpfern hat einen therapeutischen Effekt“, sagt Ines Fiebig. „Es stärkt die Handmuskeln, schult die Auge-Hand-Koordination, die Kinder lernen, Dinge in der richtigen Reihenfolge zu tun, und jeder hat hier Erfolgserlebnisse.“

Bei Julia muss die dritte Erzieherin im Raum, Antje Geisler, etwas mithelfen. Das Mädchen hat nur wenig Kraft in den Händen, ganz allein bekommt sie keine Sonnenblume hin. Drei Betreuer für fünf Kinder – das ist an dieser Schule fast normal. Insgesamt kümmern sich rund 200 Erwachsene – darunter 100 Lehrer und 60 Erzieher und Betreuer – um die 400 Kinder.

Zum Personal gehören auch Logopädäden, Ergo- und Physiotherapeuten. Ihre Arbeit wird in den Schulalltag mit einbezogen. Zum Beispiel bei der siebenjährigen Vanessa: Sie übt immer zweimal pro Woche in einer Einzelstunde Trampolinspringen und eine Treppe hinauflaufen – mit Hilfestellung von Physiotherapeutin Christiane Rohde im eigens dafür ausgestatteten Saal. Und jetzt ist noch Ballspielen an der Reihe. „Mit dem ganz großen Ball, bitte“, ruft Vanessa. Der ist ungefähr so hoch wie sie und mindestens drei Mal so breit. Da muss die Thearpeutin lachen. „Der würde dich doch wegschießen“, sagt sie. Sie nehmen also einen leichten, wesentlich kleineren Ball. Vanessa soll eine Art Besenstiel mit beiden Händen festhalten und den Ball damit zur Therapeutin zurückschlagen. Mit der linken Hand kein Problem, die rechte aber umfasst den Stock sehr unbeholfen. Vanessas rechte Körperhälfte ist in Teilen gelähmt, das rechte Bein ist etwas zu kurz. Bei Christiane Rohde soll sie lernen, „die Seite zu integrieren, die nicht mitmacht“. „Bumm“, ruft das kleine Mädchen mit den Rattenschwänzen, als sie den Ball trifft und ihn der Therapeutin direkt in die Arme spielt. Vanessa ist bester Laune. Am Ende der Physiotherapiestunde strampelt sie auf einem Dreirad in Fahrradgröße zurück in ihre Klasse. Überall auf den weitläufigen Fluren sind solche Räder zu sehen. Damit fahren die Kinder, die nicht so lange laufen können, in der Schule umher. „Vanessa ist in der letzten Zeit viel offener geworden und weniger ängstlich“, sagt Christiane Rohde, als die Kleine um die Ecke biegt. Die Physiotherapie sei sehr wichtig für sie, auch damit sie leichter schreiben lerne.

Welche Art von Therapie und Förderung ein Schüler bekomme, planten Lehrer, Eltern und Kinder gemeinsam, sagt Schulleiter Peter Friedsam: „Wenn man den Kindern erklärt, was sie warum machen sollten, fühlen sie sich ernst genommen und können besser an sich arbeiten.“ Einen interdiszplinären Ansatz habe es an der Schule schon zu DDR-Zeiten gegeben, sagt Friedsam. „Das haben wir erhalten.“ Sonst aber hat der Schulleiter viele Neuerungen eingeführt. Die Erstklässler etwa haben keine normalen Schulstunden mehr, sonderm 60-Minuten-Einheiten zu einem Oberthema, wie zum Beispiel „Sprache“. Und zwar alle Klassen der Eingangsstufe gleichzeitig. So kann Gruppenarbeit auch klassenübergreifend organisiert werden. Dann hat eine Gruppe zum Beispiel ein Zehn-Minuten-Diktat, während eine andere zum gleichen Thema etwas bastelt. Wie oft und wie lange zwischendurch Pause gemacht wird, kann individuell entschieden werden.

Auch die älteren Schüler haben längere Pausen: eineinhalb bis zwei Stunden je nach Alter und Tagesstruktur. Außerdem hat sich Friedsam in Schweden bei einer internationalen Partnerschule ein Modell mit 40-Minuten-Stunden abgeschaut. Drei zusätzliche Stunden gewinne man dadurch. Die werden für spezielle Förderungen genutzt. Vor kurzem hätten sie das Modell evaluiert, sagt Friedsam, und die Eltern attestierten, ihre Kinder seien seit der Einführung weniger gestresst.

Auch daran liegt es, dass jedes Kind, das hierherkommt, „die Schule entweder mindestens mit einem Hauptschulabschluss verlässt oder auf eine reguläre Schule, etwa ins Gymnasium, wechselt“, sagt Friedsam. „Wir sind auf unsere Weise sehr leistungsorientiert.“ Einzige Ausnahme seien jene Schüler mit sehr schweren Stoffwechsel-Erkrankungen, deren geistige Schädigung nicht mehr aufzuhalten ist. „Solche Kinder nehmen andere Schulen gar nicht erst auf, weil ihnen das Risiko zu groß ist“, sagt der Schulleiter. An der Carl-von-Linné-Schule aber sind sie willkommen. Auch jenes Kind mit besonders hohen Blutdruck, das jederzeit ins Koma fallen kann. Friedsam findet, der Schulbesuch sei für Kinder in jedem Fall besser als allein zuhause unterrichtet zu werden. Das lässt sich realisieren,weil in der Schule vier Krankenschwestern und eine Ärztin arbeiten. Letztere hat auch eine Ausbildung zur Psychotherapeutin. Und hier wird nicht nur jeder sondern auch jederzeit unterrichtet: Ferien im klassischen Sinn gibt es nicht: „Wir bieten das ganze Jahr über an jedem Wochentag zwischen 8 und 16 Uhr Betreuung an“, sagt Peter Friedsam.

Die Jury des deutschen Schulpreises honorierte dieses Konzept und zeichnete die Carl-von Linné-Schule 2007 für „herausragende pädagogische Leistungen“ aus. Die 10 000 Euro wurden für besondere Vorrichtungen verwendet: Sie ermöglichen Schülern im Rollstuhl den Schwimmunterricht im hauseigenen Becken.

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