Berlin : Sonette aus der Zelle

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Ein teilweise geradezu prophetisches Panorama hat Adolf Eltzner im Jahr 1886 von der deutschen Reichshauptstadt entworfen. Der Reichstag? War damals noch lange nicht fertig, erst vier Jahre später fiel die Entscheidung über die Kuppel, die auf der Stadtansicht schon in voller Schönheit das Parlamentsgebäude bekrönt. Die Siegessäule steht noch an ihrem originalen Standort, dem damaligen Königsplatz. Erst unter den Nazis 1938/39 musste sie zum Großen Stern umziehen, eine Folge der Speerschen Stadtplanungen.

Ein verwirrendes Wimmelbild hat Eltzner geschaffen, in dem sich für den heutigen Betrachter Bekanntes und Vergessenes seltsam vermischen. Auf der Museumsinsel fehlen noch Pergamon und Bodemuseum, die Kuppelbauten der Dreifaltigkeits- und der Böhmischen Kirche (rechts und links über dem Deutschen Dom am Gendarmenmarkt) gibt es dagegen schon lange nicht mehr. Verschwunden ist auch der Potsdamer Bahnhof (oberhalb des Deutschen Doms).

Auch das Areal mit Ulanenkaserne und Zellengefängnis (rechter oberer Bildrand) hat sich völlig verändert. Von der Haftanstalt sind nur noch drei Wohnhäuser der Aufseherfamilien sowie der alte Anstaltsfriedhof übrig geblieben. Auch nach dem Polenprozess (weiteres dazu in: Daniela Fuchs, „Der große Polenprozess von 1847 in Berlin“, Schriftenreihe des Vereins Biographische Forschungen und Sozialgeschichte, 2/1998) war das Gefängnis ein Ort der politischen Repression geblieben. Der Klempnergeselle Emil Max Hödel ist dort nach seinem Attentatsversuch auf Wilhelm I. hingerichtet worden, später saß der Berliner Korrespondent der „Prawda“, Karl Radek, ein. Unter den Nazis folgte neben vielen anderen auch Wolfgang Borchert, der nach einem Goebbels-Witz wegen „Zersetzung der Wehrkraft“ angeklagt worden war. Seine Zeit im Zellengefängnis verarbeitete er unter anderem in der Erzählung „Unser kleiner Mozart“. Berühmt sind schließlich die „Moabiter Sonette“, die der Politiker, Wissenschaftler und Dichter Albrecht Haushofer im Zellengefängnis geschaffen hatte. Haushofer war nach dem 20. Juli 1944 verhaftet worden. Am 23. April 1945 wurde er mit 15 anderen politischen Häftlingen von einem SS-Kommando abgeholt und auf dem nahen Universum-Ausstellungspark durch Genickschuss ermordet. ac

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