Berlin : Sonja Knobloch (Geb. 1959)

Das Vorbeiziehen der diesig-grauen Wirklichkeit nimmt sie gar nicht wahr.

Thomas Loy

Sie galt als schwierig. Eine, die kratzt und beißt, wenn sie nicht möchte, was sie soll. Sie trug eine Kittelschürze, wiegte ihren Oberkörper vor und zurück. Sie hielt eine Puppe in der Hand und sprach kein Wort. In ihrem Mund gab es kaum noch intakte Zähne.

Das Leben in einer Nervenklinik war nicht gut für Sonja, aber anderswo gab es für sie keinen Platz. Geistig zurückgeblieben nannte man solche Menschen und steckte sie zu den geistig Zerrütteten. Sonja war 30, an Jahren gemessen und dem äußeren Anschein nach. Sie dachte und fühlte aber zumeist wie eine Vierjährige. Besonders viel Angst machten ihr die vielen Ärzte in der Nervenklinik.

1991 gab es die DDR nicht mehr, und Sonja bekam ein neues Zuhause in einer „Wohnstätte für geistig Behinderte“, keine Klinik, sondern eine Villa in Kleinmachnow. Hier gefiel es ihr viel besser. Gutes Essen, keine weißen Kittel, dafür Menschen, die sie anlächelten. Bald lächelte Sonja zurück. Und sie fing auch an zu sprechen. Gebissen und gekratzt hat sie nie wieder.

Sonja mochte Dinge, die vierjährige Mädchen gern haben: Puppen, Plüschtiere, Märchen, Tierposter und Musik. Sie kannte viele Kinderlieder, Volkslieder und Schlager auswendig, hörte sich stundenlang Kassetten an oder schaute im Fernsehen die „Parade der Volksmusik“. Eine große Sache war der Ausflug ins ICC zum „Frühlingsfest der Volksmusik“.

Wenn es etwas zu feiern gab, trank Sonja Cola oder Fanta und aß Süßigkeiten. Jedes zweite Wochenende ging sie nach Hause zu ihren Eltern. Das war ganz selbstverständlich für sie, dass es Eltern gibt, die regelmäßig zu besuchen sind.

Sie blätterte in Zeitschriften und Katalogen, schaute sich die lachenden Menschen mit ihren lackierten Zahnreihen und blondierten Haaren an und teilte vorbehaltlos das Glück, das von diesen Bildern strahlte. Manchmal, wenn sie wieder Zeitschriften kaufen wollte, war ihr das Taschengeld ausgegangen – Sonja nahm es mit einem Seufzer hin. Es war nicht ihre Art, mit widrigen Umständen zu hadern oder missgelaunt Türen zuzuschlagen. „Leise und bescheiden“ war sie, sagen ihre Betreuer.

Anders als die Vierjährigen ging Sonja jeden Morgen zur Arbeit in eine Behindertenwerkstatt. Sie freute sich dann schon auf das Nachhausekommen, pünktlich zur Kaffeezeit. Die Arbeit war etwas eintönig auf die Dauer. Eintüten und sortieren. Aber Sonja klagte nicht, weil es schließlich wichtig ist zu arbeiten und weil alle anderen es ja auch tun, ohne immer Lust dazu zu haben. Später schnitzte sie Holzfiguren oder malte. Das gefiel ihr besser.

Über Kleinigkeiten konnte sie sich riesig freuen. Zum Beispiel, wenn es zum Mittag Milchreis gab, obwohl sie mit Frikadellen und Kartoffeln gerechnet hatte.

Auf einem Foto sitzt Sonja im Zug auf der Fahrt in den Urlaub. Sie rührt im Cappuccino, vor sich ein großes Stück Schokoladenkuchen. Sie scheint wie versunken in die süße Verheißung. Das Vorbeiziehen der diesig-grauen Wirklichkeit am Abteilfenster nimmt sie gar nicht wahr.

Als sie krank wird, muss sie nicht mehr zur Arbeit. Damit ist Sonja sofort einverstanden. Sie malt jetzt Bilder mit Tieren, Blüten und einer großen Sonne darüber. Dann zeigt sie ihre Bilder stolz – und zerreißt sie anschließend.

Die Besuche beim Arzt versetzen sie in eine stumme Panik. Ohne eine Betreuerin und ihre Eltern, die ihre Hand halten, würde sie dort nicht hingehen. Sie spricht nicht über ihre Krankheit, sie ahnt auch nicht, was sich in ihrem Körper abspielt, ein ungleicher Kampf zwischen guten und bösen Zellen. Sie redet über Alltägliches und lässt sich Geschichten vorlesen. So liegt sie ruhig in ihrem Bett, schaut auf ihre Kuscheltiere und wehrt sich nicht gegen das, was kommen muss. Thomas Loy

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