Berlin : Sonnenbaden unterm Monte Caprino

Brandenburgs ältestes Kurbad Bad Freienwalde liegt malerisch an Berghängen und schmückt seine Hügel mit toskanischen Namen. Wer im Park aus der Kurfürstenquelle trinkt, kann danach die Gipfel stürmen oder sogar im Sommer den Skispringern zuschauen

Christoph Stollowsky

Für Professor Francesco Valentini war es Liebe auf den ersten Blick. In diesem Städtchen konnte er vom Schlosspark zum Kurpark und von dort auf die bewaldeten Höhen und Aussichtsfelsen spazieren. Bad Freienwalde erschien ihm vollkommen. Deshalb verließ der schwärmerisch veranlagte Professor für Sprachwissenschaften 1846 Berlin und genoss den Lebensabend in seinem kleinen Paradies. Zuvor hatte er an Berlins Universitäten gelehrt, nun dachte er sich im Verschönerungsverein wohlklingende Namen aus – beispielsweise für den Ziegen- oder Zickenberg im Herzen des Städtchens. Ein bisschen Toscana wäre gut, meinte Francesco Valentini und setzte sich für die italienische Variante ein: „Monte Caprino“.

Seither steht auf jeder Stadtkarte „Monte Caprino“. Inspiriert von Valentini , machten die Freienwalder ihr märkisches Kleinod mit solchen Werbetricks noch interessanter. Auch die „Heiligen Hallen“ am Kurmittelhaus gehen auf dessen Ansporn zurück, eine Straße unter dem Laubdach altehrwürdiger Buchen. Oder die Rosmarinstraße – einst Köterberg. Allerdings fanden das schon damals manche Kurgäste übertrieben. So schrieb der Berliner Maler Adolph von Menzel 1861 belustigt an Freunde: „Und so steigt der Wasserschlucker vom Freienwalder Gesundbrunnen mit Hinz und Kunz edlen und ordinären Bluts vom Monte Caprino nach Bella vista und zu den Heiligen Hallen.“

Gleichwohl hatte sich auch die „Kleine Exzellenz“, der 1,50 Meter große Adolph von Menzel, in Bad Freienwalde verliebt. Viele Male weilte er dort zur Sommerfrische, ebenso wie sein Kollege Theodor Hosemann – ein populärer Zeichner und Maler des Berliner Volkslebens. Der bat seinen Verleger 1859 sogar um einen Vorschuss, damit er seinen Aufenthalt mit Frau und Kind „in der schönen freien Luft“ von Freienwalde um 14 Tage verlängern konnte.

Eine stattliche Liste ließe sich erstellen mit allen bedeutenden Fans des Städtchens in den vergangenen vier Jahrhunderten – vom Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm über die preußische Königin Friederike Luise, Gattin Friedrich Wilhelms II., bis zum Außenminister der Weimarer Republik, Walther Rathenau. Und natürlich gehört auch der wandernde Dichter Theodor Fontane dazu. „Bad Freienwalde – hübsches Wort für hübschen Ort“, schreibt er 1863. Und bringt den Zauber auf den Punkt: „Freienwalde ist eine Bergstadt“.

Es liegt malerisch an bewaldeten Hängen, eingebettet in die Hügel des Oberbarnims am Rande des Urstromtals der Alten Oder und des weiten Oderbruchs. Es ist der nördlichste Vorposten der „Märkischen Schweiz“, obwohl die meisten Menschen bei diesem Begriff nur an Buckow und den Schermützelsee denken. Doch auch Freienwalde bringt Wanderer ins Schwitzen. Schon in der Stadt geht es auf und ab – und dahinter steigen die Pfade nach Westen und Süden steil an wie im Harz oder Hunsrück.

Nie von Stadtmauern umschlossen, ist Bad Freienwalde auch nicht mittelalterlich eingeengt. Seit Jahrhunderte, zur Erholung bestimmt, zeigte es in allem „eine Leichtbegnüglichkeit“, wie Fontane schreibt. Es konnte sich frei in kleinen Tälern zwischen dem Ruinenberg, dem Monte Caprino und anderen Barnimhügeln entfalten. Dass diese Entwicklung seit den Tagen des Großen Kurfürsten recht flott voranging, verdankte die Stadt nicht zuletzt einer hohenzollernschen Erbkrankheit – der Gicht. Diese plagte bereits Friedrich Wilhelm, weshalb er den mineralienhaltigen Freienwalder Gesundbrunnen nach dessen Entdeckung sofort in Röhren fassen ließ und 1685 höchstpersönlich erprobte. Noch im gleichen Jahr strömten 1500 hoffnungsvolle Kranke zum Brunnen – der heutigen Kurfürstenquelle. Auch später förderten alle Könige den Kurort, man schickte bevorzugt blessierte Offiziere dorthin.

Der Architekt des Brandenburger Tores, Carl Gotthard Langhans, baute deshalb im Auftrag Friedrich Wilhelm II. 1789/90 eine erstes nobles Hotel am Kurpark, das heutige Kurmittelhaus. Der Generaldirektor der königlichen Gärten, Peter Joseph Lenné, gestaltete 1816 den Kurpark. Knapp drei Jahrzehnte zuvor hatte sich bereits die engagierteste blaublütige Gönnerin des Städtchens, Königin Friederike Luise, in Freienwalde verguckt und es zum Sommersitz auserkoren. Nach und nach ließ sie den ganzen Ort mit Gärten und Bepflanzungen systematisch verschönern und setzte ihrem Werk dann 1798/99 die Krone auf: Sie bezog ihr neu erbautes Schlösschen inmitten eines romantischen Parks. Damit schenkte sie Freienwalde eine weitere Attraktion.

Nun entdeckten auch die wohlhabenden Bürger Berlins das Refugium oberhalb der Oder und ließen sich hier Ferien-Residenzen erbauen. Bis heute prägen sie das Stadtbild: Herrschaftliche Villen aus den Tagen des Klassizismus, der Gründerzeit und des Jugendstils zwischen barocken Fassaden des 17. und 18. Jahrhunderts. An der heutigen August-Heese-Straße kaufte ein Berliner Bauunternehmer um 1890 das gesamte Terrain und errichtete eine Vielzahl reich verzierter Villen. Danach wurde die Straße für viele Jahre nach seiner Frau benannt – Elisabethstraße. Und 1909 erwarb Walter Rathenau das verwaiste Schloss. Er ließ es mit liebevoller Sorgfalt restaurieren.

Die kleine Badestadt machte im Fremdenverkehr Karriere, bewahrte sich aber ihre Ruhe und Gelassenheit. Denn keinem ihrer Gönner schwebte ein mondänes Freienwalde vor. Jeder wollte sich sein Refugium erhalten, jeder förderte es ohne Aufsehen. „Dies ist kein Roulette- und Equipagenbad“, schreibt Fontane, „hier herrscht noch die vaterländische Semmel.“ Und dabei ist es geblieben.

Nur der örtliche Wintersportverein macht neuerdings Schlagzeilen, seit er am Jahn-Stadion in den Papenbergen drei Skisprungschanzen mit Kunstpisten betreibt und zu Internationalen Wettbewerben einlädt. Das bringt den Hoteliers noch mehr Übernachtungen, aber die Besucherzahlen steigen ohnehin. Auch die Kurklinik ist ausgebucht.

Grund genug, um das Städtchen ganz im Sinne des Professors Francesco Valentini noch ein bisschen aufzupolieren. Die Hauptstraße erhält demnächst einen wohlklingenderen Namen. Sie soll wieder „Königsstraße“ heißen – wie einst.

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