Berlin : Sonntags nie!

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Andreas Conrad über

die Nachteile des Aschermontags

Der erste Rosenmontagszug war zugleich der schlimmste, damals in Euskirchen, so um 1960. Das Kostüm fabelhaft: An die Hosenbeine hatte die Mutter rote Fransen genäht, rot war auch das Halstuch und der Cowboyhut schwarz, mit silbernem Sheriffstern. Im Revolver wartete eine frische Rolle Zündplättchen auf feindliche Indianer, weitere Munition steckte in der Hosentasche. Je näher der Zug rückte, deste höher stieg die Aufregung, schon wegen der Kamelle. Man hörte ja Fabelhaftes über den süßen Regen. Doch dann das: Das Halstuch war weg! Eine Welt brach zusammen, konnte selbst durch bunten Ersatz, den die Mutter rasch gefunden hatte, nicht mehr repariert werden. Blöder Karneval!

Wie überwindet ein nur zeitweiliger Rheinländer solch ein Kindheitstrauma? Überhaupt nicht. Nie wird er dem karnevalistischen Brauchtum, das ihm nun sogar bis nach Berlin gefolgt ist, ein enthusiastischer Fürsprecher sein. Die gewisse Steigerung im Publikumsinteresse, die beim Umzug dieses Jahres festzustellen war, nimmt er gelassen zu Kenntnis. Berlin wird trotzdem nicht Bonn.

Andererseits, ist nicht alles, was uns Touristen zutreibt, zu begrüßen? Müsste man nicht nach Konzepten suchen, die den Berliner Faschingsreigen endlich zu einer Art Love Parade der Funkenmariechen aufwerten, mit mindestens einer halben Million Menschen an der Wegstrecke? Das kann freilich nicht klappen, solange unser Rosenmontagszug am Sonntag stattfindet. Diese Terminierung mag preußischer Arbeitsmoral entsprechen, zeugt aber von karnevalistischer Inkonsequenz. Die Hauptstadt der Jecken werden wir so nie, und dabei ließe sich mit zwei Tagen zwangsfrei mancher Arbeitsplatz schaffen. Aschermittwoch allerdings sollte man ausfallen lassen. Den haben wir hier alle Tage.

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