SONNTAGS um zehn : Altar, Alter!

Predigt-Battle in der Neuköllner Magdalenenkirche.

von
Was guckst du?!
Was guckst du?!Foto: Patrick G. Stoesser

Am Ende wird es auf einen Heimsieg hinausgelaufen sein. Die Neuköllner Gastgeberin wird gewonnen, der Heidelberger Gast verloren haben, mit 2:1, aber noch liegt das alles in der Zukunft, denn es ist erst halb sechs am Sonntagabend, und das Spiel hat noch nicht einmal begonnen. Das Spiel heißt „Predigt-Battle“.

Eine Predigt-Schlacht also, ein Duell. Wer predigt besser, die Neuköllner Pfarrerin Marita Lersner oder ihr Heidelberger Kollege Florian Barth? Ausgetragen wird der Wettkampf in der Magdalenenkirche an der Karl-Marx-Straße, und die beiden Kontrahenten sind die bislang einzigen im ganzen Lande, die in dieser Disziplin gegeneinander antreten.

Warum machen Sie das? Barth sagt: „Aus Sportsgeist. Es gibt bessere und es gibt schlechtere Predigten, und der Vergleich spornt an.“ Lersner sagt: „Man muss doch probieren, mit neuen Formen neue Leute zu erreichen. Gedichte zum Beispiel, eine tote Kunst, und dann kamen plötzlich die Poetry Slams. Oder Klaviermusik. Ich saß vor einem halben Jahr in einer ,Piano-Battle‘ irgendwo in Kreuzberg.“ Da sei ihr die Idee gekommen.

Die Regeln: Jeder hält, erstens, eine Predigt zu einem vorab bestimmten Thema. In Neukölln ist es die Jahreslosung der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen, und zwar der Bibelvers: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ Zweitens: Eine spontane Predigt zu einem Thema, das der Moderator vorgibt. In Neukölln: „Brauchen wir heute noch Gott?“ Drittens: Wieder spontan – und die Battle-Besucher rufen: „Hass!“ - „Nächstenliebe!“ - „Geistige Armut!“ - „Papst!“ - „Ein Fleisch sein!“ - „Humor!“ Die Magdalenenkirche ist voll. Mehr als hundert Menschen sitzen auf den Stühlen, ein Vielfaches der Gottesdienstbesucher vom Vormittag. Sie klatschen, jubeln, rufen, denn dazu sind sie aufgefordert worden. Ihr Beifall soll der Gradmesser sein für die Antwort auf die Frage, wessen Predigt die jeweils bessere ist.

Paulus und Petrus haben es getan, der katholische Theologe Johannes Eck und Martin Luther haben es getan, und nun also: Frau Lersner und Herr Barth. Sie wetteifern darum, wer das Evangelium am besten in die Ohren und Köpfe und Herzen der Gäste bringt.

Ein Münzwurf, und Barth fängt an. Er sagt über den Jahreslosungsvers, er halte ihn für eine Metapher. Es ginge nicht um eine Stadt und deren Zukunft. Es ginge um die Hoffnung. Er erzählt eine Geschichte von einem Sterbeort, von einer Palliativstation, auf der er regelmäßig arbeitet. Mehrere hundert Menschen pro Jahr, durchschnittliche Verweildauer: zwölf Tage, dann sind sie tot. Es ist die Geschichte einer Frau, die auf jener Station nichts weiter als sterben wollte, so schnell wie möglich, und dann doch noch Wünsche hatte, weil sie wusste, dass man sie ihr erfüllen würde. Und wenn es nur die Wünsche waren, noch einmal nach draußen gebracht zu werden und ein Erdbeereis zu essen. Barth sagt: „Das eine, der Wunsch nach dem Sterben, war ein sehr dunkler Wunsch. Die anderen dann hatten eine sehr andere Qualität.“

Lersner hebt an: „Mit dem Reich Gottes ist es wie mit dem Flughafen Berlin-Brandenburg. Ist schon da, funktioniert aber noch nicht überall und in jeder Hinsicht.“ Wieder eine Metapher also. Und ein Punktsieg. Barth, der Auswärtsspieler, wird ihn nicht mehr aufholen. Torsten Hampel

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

1 Kommentar

Neuester Kommentar