Sonntags um zehn : Auf die kleinen Dinge kommt es an

Ein Gottesdienst in der Wilmersdorfer Vaterunser-Gemeinde.

„Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen …“ Hans Hagen spricht das Glaubensbekenntnis. Er spult es nicht routiniert ab, wie es einen bei einem Pfarrer im Ruhestand nicht überraschen würde. Hans Hagen betont vielmehr mit fester Stimme jeden Halbsatz. Als wolle er antrotzen gegen die Leere in der Kirche, als wolle er die wenigen Gläubigen der Vaterunser-Gemeinde, die gekommen sind, zum Durchhalten ermuntern. Doch die brauchen wohl gar keine Ermunterung, so kräftig singen sie mit, einige müssen dabei nicht mal ins Gesangbuch schauen, weil sie Text und Noten sowieso auswendig kennen. Das sind wackere „Bauleute des Herrn“, die hier sitzen. Solche hatte Apostel Paulus wohl im Blick, als er in seinem ersten Brief an die Gemeinde in Korinth riet, ihr Haus auf den richtigen Grund zu stellen. Eine Passage aus dem Brief ist der Predigttext, den die Urlaubsvertretung Hagen auszulegen versucht.

Paulus schreibt, Gott habe den Grund gelegt, jetzt komme es darauf an, etwas Stabiles darauf zu bauen. Es solle bloß niemand auf die Idee kommen, selbst den Grund legen zu wollen. Welches Haus Bestand haben wird, werde sich am Ende bei einem Feuersturm zeigen. Wer auf den falschen Grund gebaut hat, wird wohl nicht gut dastehen. Und die Wilmersdorfer? Haben 1961 eine achteckige Kirche aus rotem Backstein an die Detmolder Straße gebaut, kümmern sich um Kinder, Jugendliche und Senioren, der Pfarrerin liegt das christlich-jüdische Verhältnis am Herzen. „Wichtiger als die tollsten Programme sind die kleinen Dinge, die Menschen erfahren lassen, dass man sie sieht“, sagt Pfarrer Hagen. In Zeiten, in denen sich so viel um Reformprozesse und Impulspapiere dreht, ist das eine wohltuende Erinnerung. Jemand, der im Ruhestand ist, spricht sie freilich leichter aus als jemand, der sich täglich überlegen muss, wie man nicht nur Einzelne erreicht, sondern viele.

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