• SONNTAGS um zehn: Bei Jesus sitzen Arme in der ersten Reihe Ein Radiogottesdienst gegen Armut in der Kreuzberger Heilig Kreuz Kirche

SONNTAGS um zehn : Bei Jesus sitzen Arme in der ersten Reihe Ein Radiogottesdienst gegen Armut in der Kreuzberger Heilig Kreuz Kirche

G,a Bartels

Eine Schlange schon am Eingang der wuchtigen Backsteinkirche? Aber dann ist es doch nur ein Trupp Kirchgängerinnen, der sich vor dem Gottesdienst in der Kreuzberger Heilig Kreuz Kirche noch mal eben die Füße vertreten will oder was auch immer. Und weil vorm Altar gerade der Gospelchor geübt hat, debattieren alle über den soeben verklungenen Song „God is“. Die Reaktionen auf das Lied reichen von „zu modern“ bis „archaisch-amphibisch“. Amphibisch? „Ja, das geht einem durch und durch. Wie Filmmusik.“ Allgemeine Heiterkeit im Kirchenfoyer.

Im Kirchenrund haben sich die Sänger der „Different Voices of Berlin“ inzwischen wieder unters Volks gemischt, das auf den halbrund aufgestellten Stühlen gespannt den Beginn des evangelischen Radiogottesdienstes im rbb-Kulturradio erwartet. Dass der von Soulsängerin Jocelyn B. Smith hier in Heilig Kreuz gegründete Gospelchor armer Menschen heute singt, ist Programm. An diesem Sonntag ist „Armut an Leib und Seele“ das Thema. Und es ist schön zu sehen, dass ein abgerissenen aussehender Mann mit Stock, der als letzter in die für ihre engagierte Obdachlosenarbeit bekannte Kirche am Blücherplatz kommt, sich ganz selbstverständlich in die erste Reihe neben die Pastoren setzt. Davon sind gleich drei aufmarschiert: Diakonie-Direktorin Susanne Kahl-Passoth, Theo Lorentz vom Arbeitskreis „Kirche und Arbeitswelt“ und Gemeindepfarrer Peter Storck.

Vor der Predigt erzählen erstmal drei von 700 000 armen Menschen in Berlin aus ihrem Leben. Sie sind allesamt in einer Spandauer Selbsthilfegruppe organisiert und haben das Stadium sprachloser Scham, die oft auf Arbeitslosigkeit und sozialen Abstieg folgt, überwunden und durch erfrischende Offenheit ersetzt. Sie habe aufgehört, an eine allein glücklich machende Erwerbsarbeit zu glauben, sagt eine Sozialarbeiterin. Nach 100 erfolglosen Bewerbungen habe sie sich Bürgerarbeit im Stadtteil gesucht.

In der Predigt von Pfarrerin Kahl-Passoth und Pfarrer Lorentz geht es darum, dass Jesus keinen Zweifel daran lässt, wo Christen ihren Platz haben: an der Seite der Armen, Entrechteten und Zerschlagenen. Er begegne den Armen auf gleicher Augenhöhe und fordere Respekt und Achtung für sie, sagt Susanne Kahl-Passoth. „Sie sind keine Versager. In Gottes Augen haben sie Würde und sind fähig, wieder aufrecht zu gehen.“ Christen dürften sich nicht an den Vorhaltungen der Gesellschaft beteiligen, die viele Arme als „selbst schuld“ oder mit noch Schlimmerem diskriminiere, sagt die Diakonie-Direktorin. Armut ist für sie ein Skandal und jeder für ihre Bekämpfung zuständig.

Dann singen die „Different Voices of Berlin“ ihren Gospel, der eher hymnisch als amphibisch klingt. Und der Arme mit dem Stock in der ersten Reihe ist der einzige, der sich traut, trotz des Sitzenbleibegebots beim Radiogottesdienst zum Vaterunser aufzustehen. Gunda Bartels

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