• SONNTAGS um zehn: „Berlin ist eine selbstbewusste Frau um die 30“ Regula Lüscher verrät im Französischen Dom, was eine Stadt schön macht

SONNTAGS um zehn : „Berlin ist eine selbstbewusste Frau um die 30“ Regula Lüscher verrät im Französischen Dom, was eine Stadt schön macht

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Berlin ist mit vielen Städten verglichen worden, am Sonntag nun auch noch mit dem himmlischen Jerusalem. Die Bibel stellt sich die ideale Stadt so schön vor wie eine „reich geschmückte Braut“. Berlin sei eher eine „wilde Schönheit“, sagt Regula Lüscher, etwa so wie eine Frau um die 30, die wisse, was sie wolle und die zu einem sündhaft teuren Hut ein Secondhand-Kleid und Turnschuhe trage.

Es ist Sonntagvormittag in der Französischen Friedrichstadtkirche am Gendarmenmarkt. Draußen stehen im strömenden Regen fünf „Freunde und Förderer“ des Platzes vor einem Plakat, mit dem sie die Senatsbaudirektorin zu einem „Nein zur Umgestaltung“ des Platzes aufrufen. Drinnen hängen etwa 400 Augenpaare an den Lippen eben dieser Senatsbaudirektorin, die im Rahmen einer neuen Predigtreihe zum Thema „Schönheit“ über die „Schönheit der Stadt“ spricht.

Darüber, was für den Gendarmenmarkt schön und angemessen ist, wird seit Monaten und zunehmend erbittert gestritten. Im Kern geht es dabei um 134 Ahornbäume, die den nördlichen Rand des Platzes säumen und, wie die einen meinen, den Blick auf die Schönheit stören. Für die anderen sind aber gerade die Bäumchen entscheidend für das „französische Flair“ des Platzes und nützliche Schattenspender, ohne die sich die gleißende Schönheit des Platzes gar nicht aushalten lasse.

Berlin sei schön gerade wegen seiner Brüche, sagt Regula Lüscher und vergleicht die Unterschiedlichkeit der Kieze mit unterschiedlichen Räumen eines Hauses, die sie gleichermaßen und „je nach ihrer eigenen Identität“ entwickeln wolle. Der Gendarmenmarkt sei ein „Ort urbaner Eleganz“, wo sich „großartige Architektur und Grün ergänzen“.

Im Anschluss legt Pfarrer Matthias Loerbroks die biblische Vision von der idealen Stadt für Berlin aus. Die Proportionen müssten stimmen – in der Architektur wie in den menschlichen Beziehungen. Auch müsse zuerst Babylon untergehen, in der Bibel die Chiffre für menschenverachtendes Wirtschafts- und Machtstreben.

Von Kugelahornbäumen ist in der Bibel freilich nicht die Rede. Den Pfarrern der Friedrichstadtkirche wäre es auch lieber, sie würden abgeholzt, verstellen sie doch den Blick auf den Dom und ältere, hohe Bäume. Auch für die Senatsbaudirektorin sind die Ahorngewächse nicht das Maß aller Schönheit, das gibt sie in der gepflegten Debatte nach dem Gottesdienst zu. Gleichwohl sei sie „die Letzte, die sie abholzt, wenn eine Mehrheit der Berliner sie haben will“. Außerdem sei ja noch gar nichts entschieden; im Oktober soll es ein viertes Bürgerforum geben und, „wenn nötig, auch ein fünftes oder sechstes“.

Die „Freunde und Förderer des Gendarmenmarktes“, die 15 000 Unterschriften gegen die Umgestaltung des Platzes gesammelt haben, beruhigt das nicht. „Stuttgart 21 ist uns eine Warnung“, sagt Ada Withake-Scholz, Betreiberin des Restaurants „Refugium“ im Französischen Dom. Lüscher beschwöre die Brüche Berlins, wolle aber am Gendarmenmarkt keine Ahornbäume. Das widerspreche sich. Und überhaupt, sagt Naturschützer Christian Hönig vom BUND, erwähnte Lüscher nicht „Siena“ – eine barocke Stadt ohne Grün? Claudia Keller

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